Riesenkalmar Größe: warum die Zahlen in jedem Artikel anders aussehen
Zeigen Sie jemandem ein Foto eines Riesenkalmars und fragen Sie nach der Größe. Die Antwort lautet fast immer: "So um die 20 Meter, oder?" Nein. Nicht mal annähernd.
Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit Tiefseetieren, vor allem mit Architeuthis dux, dem echten Riesenkalmar. Und wenn ich eines gelernt habe, dann das: Die meisten Größenangaben, die im Netz herumschwirren, stammen aus einem einzigen, sehr alten Fund und wurden seitdem munter weiterkopiert. Was tatsächlich gemessen wurde und was nur behauptet wird, geht dabei völlig unter.
Also sortieren wir das. Mit echten Zahlen, aus echten Fängen und mit einer ehrlichen Antwort auf die Frage, wie groß ein Riesenkalmar wirklich wird.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Gesamtlänge eines Riesenkalmars liegt bei belegten Exemplaren meist zwischen 6 und 12 Metern, in Ausnahmefällen etwas darüber.
- Der Mantel (der eigentliche Körper ohne Arme) macht davon nur etwa 2 bis 2,5 Meter aus. Der Rest ist Arme und Tentakel.
- Das Auge erreicht bis zu 27 Zentimeter Durchmesser und ist damit das größte im gesamten Tierreich.
- Weibchen werden deutlich größer und schwerer als Männchen.
- Die spektakulärsten Rekordzahlen beruhen fast immer auf toten, aufgeweichten Tieren, deren Tentakel sich nach dem Tod stark dehnen.
- Der Kolosskalmar ist schwerer, der Riesenkalmar länger. Das sind zwei verschiedene Tiere.
Wie groß wird ein Riesenkalmar wirklich?
Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, was Sie messen. Und genau da fängt das Chaos an.
Bei einem toten Riesenkalmar, der an den Strand gespült wird, messen Biologen traditionell die Gesamtlänge von der Mantelspitze bis zur Spitze der längsten ausgebreiteten Tentakel. Das klingt logisch, hat aber einen Haken: Die Tentakel eines toten Kalmars sind schlaff und dehnen sich. Ein Tier, das im Leben vielleicht 8 Meter lang war, kann so auf 11 oder 12 Meter kommen.
Gesamtlänge: der Spielraum
Für Architeuthis dux liegen die belegten Gesamtlängen bei den meisten untersuchten Tieren zwischen 6 und 12 Metern. Der berühmteste Fall, ein Exemplar, das Mitte des 19. Jahrhunderts an der Küste Neufundlands strandete, wird in der Literatur mit einer Gesamtlänge von rund 17 Metern geführt. Ich habe diese Zahl jahrelang selbst weitergegeben, bis mir auffiel, wie dünn die Belege dafür sind. Die Arme wurden damals teilweise nur geschätzt, nicht gemessen. In meinen Notizen steht diese Angabe inzwischen mit einem großen Fragezeichen.
Realistisch, mit tatsächlich nachgemessenen Tieren, gilt: Wer einen Riesenkalmar mit 12 Metern findet, hat schon ein großes Exemplar.
Mantellänge: der ehrlichere Wert
Weil die Tentakel so unzuverlässig sind, messen Wissenschaftler heute lieber den Mantel, also den Körper ohne Arme. Hier sind die Zahlen erfreulich stabil: Die größten dokumentierten Mäntel liegen bei etwa 2,25 Metern. Der Rekord für ein Weibchen liegt knapp darüber, für Männchen deutlich darunter.
Das ist die Zahl, auf die ich mich in Gesprächen stütze, wenn jemand ehrlich wissen will, wie groß so ein Tier ist. Alles andere ist Armlänge, und Armlänge ist Interpretation.
Riesenkalmar Größe und Gewicht: die Sache mit dem Gewicht
Gewogen wird noch seltener als gemessen. Ein gestrandeter Riesenkalmar ist meist bereits in Verwesung, und ein Teil seiner Masse besteht aus Wasser, das beim Auftauen wieder entweicht.
Trotzdem gibt es brauchbare Werte: Die schwersten dokumentierten Riesenkalmare liegen bei etwa 200 bis 275 Kilogramm. Deutlich mehr als die meisten Angaben im Umlauf, die von 50 oder 100 Kilo sprechen, aber auch weit weg von den halben Tonnen, die man manchmal liest.
Ein Detail, das fast immer fehlt: Weibchen werden größer und schwerer als Männchen. Ein großer weiblicher Riesenkalmar kann doppelt so viel wiegen wie ein ausgewachsener männlicher. Wenn Sie in einem Artikel eine einzige "Riesenkalmar-Größe" lesen, ohne dass Geschlecht und Messmethode genannt werden, können Sie diese Zahl getrost in die Kategorie "grob geschätzt" einordnen.
Das Auge: hier wird es wirklich absurd
Ein einzelnes Auge des Riesenkalmars hat einen Durchmesser von bis zu 27 Zentimetern. Etwa so groß wie ein Fußball. Oder, wie ich es einem Freund erklärt habe, der es nicht glauben wollte: Stellen Sie sich einen Suppenteller vor, den Sie sich ins Gesicht halten.
Das ist kein Zufall der Natur, sondern hat einen klaren Zweck. In der Tiefsee ist das einzige Licht, das es gibt, meist von leuchtenden Organismen. Und die schlimmste Gefahr kommt von unten. Ein Blauwal, der tauchend einen Riesenkalmar jagt, verrät sich durch die Silhouette, die er von unten gegen das Restlicht an der Oberfläche wirft. Das größte Auge im Tierreich ist also kein Größenrekord, sondern ein Frühwarnsystem für Raubtiere. Ich finde, das ist eine der elegantesten Erklärungen, die die Evolutionsbiologie zu bieten hat.
Riesenkalmar Lebensraum: warum wir so wenig wissen
Riesenkalmare leben in Tiefen von etwa 300 bis über 1.000 Metern. Dort ist es stockfinster, der Druck liegt bei 30 bis über 100 bar, und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt sind normal.
Genau deshalb ist jede Größenangabe mit Vorsicht zu genießen. Sie können ein Tier, das Sie nie lebend sehen, nicht ordentlich vermessen. Was Sie finden, sind Kadaver, Mageninhalte von Pottwalen oder – seit den 2000er Jahren – zunehmend Kalmare, die in Fischernetzen hängen bleiben.
Warum Funde so selten sind
Ein lebender Riesenkalmar wurde erst relativ spät fotografiert. Bis vor wenigen Jahren gab es praktisch kein Bewegtbild eines gesunden Tieres in seinem natürlichen Lebensraum. Die Zahl der weltweit dokumentierten Exemplare liegt im niedrigen Hunderterbereich, verteilt über mehr als 150 Jahre – und viele davon sind nur einzelne Arme oder Skelettreste, keine vollständigen Tiere.
Aus einem einzelnen Tentakel lässt sich die Gesamtlänge aber nur schätzen. Das erklärt, warum in der Fachliteratur für dieselbe Art Werte von 5 bis 18 Metern auftauchen. Es sind nicht unterschiedliche Kalmare. Es sind unterschiedliche Messmethoden an unterschiedlich vollständigen Funden.
Riesenkalmar oder Kolosskalmar: welcher ist größer?
Diese Frage bekomme ich ständig, und sie ist berechtigt, weil beide Tiere oft durcheinandergeworfen werden. Es sind zwei verschiedene Gattungen.
| Merkmal | Riesenkalmar (Architeuthis dux) | Kolosskalmar (Mesonychoteuthis hamiltoni) |
|---|---|---|
| Gesamtlänge | meist 6–12 m, Ausnahmen bis ~13 m | bis ~10 m, dafür massiver gebaut |
| Gewicht | 200–275 kg bei großen Weibchen | schwerer, dokumentierte Tiere über 400 kg |
| Lebensraum | vorwiegend gemäßigt bis kalt, alle Ozeane | antarktische Gewässer |
| Arme | längere, dünnere Tentakel | kürzere, aber mit Haken bewehrte Tentakel |
Kurz: Der Riesenkalmar ist länger, der Kolosskalmar ist schwerer. Und wenn Sie jemanden mit "der größte Tintenfisch der Welt" prahlen hören, dürfen Sie getrost nachfragen, welche der beiden Größen gemeint ist. Meistens ist es keine.
Ist ein Riesenkalmar gefährlich?
Für Menschen: praktisch nicht.
Riesenkalmare leben in Tiefen, in denen Sie und ich uns niemals aufhalten. Begegnungen sind so selten, dass die wenigen dokumentierten Fälle von Forschenden und Fischern berichtet wurden, nicht von Schwimmern. Die Saugnäpfe können an den Armen starke Narben hinterlassen – bei Tieren, die in Netzen gefangen wurden und sich wehrten, ist das mehrfach beschrieben worden. Der Angriff eines Riesenkalmars auf einen Menschen ist aber ein Mythos, der aus Seefahrergeschichten und schlechten B-Movies stammt.
Interessanter ist die andere Richtung: Der Hauptfeind des Riesenkalmars ist der Pottwal. Forschende finden regelmäßig unverdaute Schnäbel im Magen der Wale, und die Narben auf der Haut der Pottwale zeigen, dass diese Begegnungen nicht immer glimpflich ausgehen. Für einen Pottwal ist ein Riesenkalmar Beute mit Gegenwehr, kein Opfer.
Wie alt wird ein Riesenkalmar?
Hier wird es schwierig, weil sich das Alter eines Kalmars nicht so einfach bestimmen lässt wie das eines Baumes. Man kann die Statolithen auswerten, winzige Kalksteinchen im Gleichgewichtsorgan, die Wachstumsringe ansetzen. Nach dieser Methode wird ein Riesenkalmar schätzungsweise ein bis drei Jahre alt.
Das klingt kurz für ein Tier dieser Größe, ist aber typisch für Tintenfische. Sie wachsen extrem schnell, pflanzen sich einmal fort und sterben danach. Ein Tier, das 200 Kilogramm schwer wird und keine drei Jahre alt, hat eine andere Wachstumskurve als alles, was mit Wirbelsäule herumläuft. Ich finde das die erstaunlichste Zahl in diesem ganzen Thema – noch erstaunlicher als das Fußball-Auge.
Was am Ende vom Rekord übrig bleibt
Die beeindruckendste Zahl am Riesenkalmar ist für mich nicht die Länge. Es ist die Lücke zwischen dem, was wir glauben zu wissen, und dem, was tatsächlich gemessen wurde.
Ein Tier, das über 100 Jahre lang in jedem Seefahrerbuch als Monster auftauchte, hat bis heute weniger als 200 dokumentierte Exemplare. Wir kennen seinen Körperbau, seine Größenordnung und ein paar Grundzüge seiner Fortpflanzung. Wie es jagt, wie es sich orientiert, wie viele es tatsächlich gibt – alles offen.
Wenn Sie also das nächste Mal auf eine "Riesenkalmar Größe" von 20 Metern stoßen, wissen Sie jetzt, woher die Zahl kommt: aus einem aufgeweichten Kadaver, gemessen mit einem Maßband an Tentakeln, die im Leben nie so lang gewesen wären. Die Wahrheit ist kleiner. Aber ehrlich gesagt finde ich sie spannender.