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  Rede des Bundespräsident Johannes Rau

am Sonntag, 17.12.2000
 

 
  Liebe Frau Springer,
meine Damen und Herren,

Ich gestehe, dass ich im Augenblick - auch als jemand, der Israel lange kennt und gut zu kennen glaubt - mehr Fragen als Antworten habe. Aber die Tatsache, dass es so viele Fragen gibt, ist kein Grund, sich zu verschweigen. Und so will ich von diesem Friedensprozess reden und daran erinnern, dass wir alle, in allen politischen Lagern, in Europa, in den Vereinigten Staaten, in Israel, auch auf der palästinensischen Seite, ein paar Jahre lang den Begriff Friedensprozess mit einer Erläuterung versehen haben. Wir haben immer gesagt, er ist unumkehrbar. Ich frage mich heute: Ist dieses Wort, das so mit dem Begriff Friedensprozess verbunden ist, eine Täuschung gewesen? Und wenn ja, wer hat wen getäuscht?

Ich war vor wenigen Wochen in Israel. Ich hatte Gelegenheit, mit dem Staatspräsidenten Katsav zu sprechen, mit seinem Vorgänger, mit Barak, mit Peres, mit Vertretern aus dem Friedenslager und aus dem Militär, und ich habe große Unsicherheit verspürt über die Frage, ob und wie es weitergehe. Ich bin der Meinung, dass wir Europäer gefragt und gefordert sind. Allerdings nicht als die, welche die amerikanische Position wegzudrängen versuchen, sondern klärend, erklärend, assistierend helfend; und wenn wir Ratschläge geben, dann sollten wir es behutsam tun. Vielleicht aber geben wir den besten Rat, wenn wir Fragen stellen, die zum Weiterdenken anregen.
Woher kommt es, dass die Höhepunkte des Friedensprozesses allem Anschein nach stets mit wachsender Gewalt verbunden sind? So war es 1994, so ist es heute wieder. Wer profitiert davon? Hat sich hier ein falsches Muster durchgesetzt nach der Devise: Ergebnisse erhält man nur, wenn sie als eine Erlösung aus gesteigerter Gewalt empfunden werden? Ist diese Gewalt inszeniert?

Sind wir uns, sind sich die Beteiligten bewusst, dass zwischen einer militärisch überlegenen Macht und einer Guerilla keine Seite den Sieg auf Dauer für sich reklamieren kann?

Sind wir uns bewusst, dass es im politischen Sinn sehr wohl eine Zeit gibt, in der ein Ende der Gewalt kommen muss, wenn man die Chance des Friedens nicht auf lange Zeit wieder verspielen will?

Und wenn man diese beiden Fragen bejaht, heißt das nicht, dass man auf eine Kompromisslösung hinaus muss?

Haben wir genug verinnerlicht, dass wir es mit drei Religionen zu tun haben, die sich alle drei auf Abraham berufen? Und haben wir das Wort Abrahams im Sinn: "Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein, und durch dich sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden"? Ist uns bewusst, dass das jeden Ausschließlichkeitsanspruch verbietet?

Ich frage mich zum Beispiel, ob eine ausschließende Souveränität über die Heiligen Stätten wirklich die einzige Lösung ist. Ist sie realistisch? Gibt es nicht Varianten, die eher zum Frieden beitragen?

Lernen wir miteinander, dass Nachbarschaft nüchterne Partnerschaft werden muss, dass es nicht Liebe sein muss, aber Achtung. Und lernen wir, dass die Sorge für das Wohlergehen des Nachbarn ein Beitrag zur eigenen Sicherheit ist.

Sind Friedenskonzepte denkbar, ohne den Blick auf die Interessen des Nachbarn zu werfen?

Ich habe mich bei meinem letzten Besuch in Israel zum Begräbnis von Lea Rabin gefragt, wie wohl alle die, die um sie trauern, ihre Friedensbotschaft weitergeben können. Ich habe Präsident Katsav meine Sorgen sehr deutlich erklärt.

Ist es im Interesse Israels, dass solche arabische Staaten, die eine gemäßigte Position vertreten, gegen ihren Willen in das Lager der Radikalen gedrängt werden? Wem würde es nützen, wenn im Nahen Osten neue Bruchlinien entstehen, nachdem wir die alten in Europa und in der Welt endlich überwunden haben?

Was ich hier zum Verhältnis zwischen Israel und Palästina sage, das gilt auch für das Verhältnis Europas zum Nahen Osten insgesamt. Die Entstehung eines großen Wirtschaftsraums mit weniger Barrieren ist friedensichernd. Die Entstehung neuer Blöcke ist es nicht.

Was konkret zu geschehen hat, wissen nur die Verhandlungspartner. Da halte ich mich zurück. Aber ich habe eine Vorstellung davon, auf welcher - sozusagen philosophischen - Grundlage eine Lösung angestrebt werden sollte, wenn sie Bestand haben soll und wenn sie den Radikalen beider Seiten, die jede Einigung torpedieren wollen, das Wasser abgraben soll.

Es scheint ja letztlich, beim Scheitern von Camp David und dem neuen Ausbruch der sogenannten Al-Aksa-Intifada, um den Tempelberg zu gehen, den Ort, der drei Religionen heilig ist, von denen zwei wiederum - in der Rechtsform eines Staates bzw. eines Staates im Werden - Souveränitätsansprüche an dieses so kleine, aber so heilige "Grundstück" stellen.

Für mich folgt aus den gemeinsamen Quellen der drei abrahamitischen Religionen, dass die dem Ort geschuldete Achtung nur dann vollkommen ist, wenn mit ihr die Achtung der Religionen untereinander einhergeht.

Und darum muss eine Lösung so gestaltet sein, dass Israelis und Palästinenser in Selbstachtung daraus hervorgehen können. Nur so wird sie weitere Konflikte vermeiden, nur so wird weiterer Hass vermieden.

Achtung und Vergebung: darauf wird es ankommen. Und sie muss die ganze schwere und schmerzhafte historische Last, die auf diesem Ort liegt, einbeziehen.

Und vielleicht das noch: Diese Lösung muss in einem Zeitraum gefunden werden, in der die Chancen für die Wiederbelebung gegenseitiger Achtung noch nicht verspielt sind. Damit meine ich: jetzt.

Mir scheint - und nur hier will ich mich in konkrete Tagesfragen einmischen - dass der Wettbewerb der Souveränitäten um den Tempelberg im Grunde ein ohnmächtiges Bemühen ist. Eine Souveränität, die die andere gänzlich ausschließt, wird kein versöhnlichen Ergebnis finden.


Und wenn ich die Presse verfolge, dann gewinne ich den Eindruck, dass auch die Protagonisten der Verhandlungen das wissen.
Es gibt eine Fülle von biblischen Zeugnissen dafür, dass die Friedensstifter das Land gewinnen werden, das die Sanftmütigen das Erdreich besitzen. Wenn's stimmt, dann muss auch das Bild von denen stimmen, die, wie das einmal in der Bibel heißt, durch das Jammertal gehen und daselbst Brunnen bauen.

 

 
  Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zum 50jährigen Bestehen des Zentralrates der Juden in Deutschland für die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 19. Juli 2000
 
  Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird fünfzig Jahre alt. Dieses Jubiläum ist ein guter Anlaß innezuhalten und zurückzublicken auf die Zeit und die Lage in Deutschland im Jahr 1950: Da war die Bundesrepublik Deutschland ein Jahr alt. Da lag das Ende der national-sozialistischen Gewaltherrschaft erst fünf Jahre zurück. Und da waren die Spuren des Krieges noch überall zu sehen. Da war das ganze Ausmaß der Vernichtung sichtbar, die die national-sozialistische Tyrannei über die Welt gebracht hatte. Hass und Gewalt des Regimes hatten sich besonders gegen die Juden in Deutschland und Europa gerichtet. Der Schmerz und die Trauer der Überlebenden waren unsäglich. Die Fragen nach dem Warum alles Geschehenen verlangten nach einer Antwort. In dieser Situation gründeten die Juden den Zentralrat.

Damals lebten in Deutschland nur gerade noch zwanzigtausend Juden. Inzwischen sind es zirka hunderttausend. Dafür bin ich dankbar. Die Juden in Deutschland haben mitgeholfen, dass die Bundesrepublik Deutschland wieder ein gleichberechtigter Partner in der Gemeinschaft der Völker werden konnte. Der Zentralrat der Juden in Deutschland gab immer wieder Anstöße für das Gespräch und den Dialog, auch zwischen Juden und Christen, Deutschen und Israelis. Ich erinnere besonders an die beiden Männer, die mit ihren unterschiedlichen Gaben die Arbeit in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt haben: Heinz Galinski und Ignaz Bubis, der im vergangenen Jahr gestorben ist.

Heute stellt besonders die Zuwanderung von Juden aus den Staaten der früheren Sowjetunion den Zentralrat der Juden und das jüdische Gemeindeleben vor neue Aufgaben. Ich hoffe, dass die neu hinzugekommenen Gemeindeglieder mit ihren unterschiedlichen Traditionen eine Heimat in Deutschland finden werden. Den Zentralrat und die jüdische Gemeinde dabei zu unterstützen, ist eine wichtige Aufgabe.

Seit seiner Gründung ist es ein Schwerpunkt der Arbeit des Zentralrates, jüdische Identität in Deutschland zu stärken und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit der nicht-jüdischen Umwelt zu suchen. So sind neue Brücken zwischen Juden und Nicht-Juden entstanden. Vor allem die junge Generation bedarf der besonderen Vermittlung von Werten und Traditionen. Ich freue mich darüber, dass sich der Vorsitzende des Zentralrates, Paul Spiegel, dieser wichtigen Aufgabe verstärkt zuwendet. Und ich wünsche mir, dass es auch in Zukunft gelingt, gerade der nachfolgenden Generation die Schönheit und die Vielfalt jüdischen Lebens nahe zu bringen.

Ich gratuliere dem Zentralrat der Juden in Deutschland zum fünfzigjährigen Bestehen. Ihm wünsche ich, dass seine Arbeit auch weiterhin von Versöhnung, Traditionsbewußtsein und Zukunftshoffnung geprägt bleibt; uns allen indes, dass wir die Möglichkeiten erkennen, die darin für unser Land liegen.

 

  Rede bei der Sondersitzung des Deutschen Bundestages aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 26. Januar 2001
 
 
  I.

Wer bei der letzten freien Reichstagswahl 1932 gewählt hat, der ist heute 90 Jahre und älter. Der letzte Abgeordnete, der 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat, Josef Felder, ist vor wenigen Wochen im Alter von 100 Jahren gestorben, und wir haben seiner hier gedacht. Wer heute vierzehn oder auch dreißig Jahre alt ist, für den kann die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ähnlich weit weg sein wie der Beginn des 20. Jahrhunderts, als es in Deutschland noch einen Kaiser gab.

Betrachten wir indes die Vergangenheit nicht allein mit einem Kalender, sondern mit dem Familienalbum in der Hand, dann verändert sich unsere Wahrnehmung. Die meisten Dreißigjährigen haben Eltern, die selber während des Dritten Reiches Kinder waren, und die Fünfzehnjährigen haben Großeltern, die im Dritten Reich jung oder junge Erwachsene waren. In vielen Ländern der Welt leben Menschen, zu deren Familiengeschichte die Bedrohung und die Verfolgung durch die Nationalsozialisten gehören, die Erinnerung an Deportation, an Konzentrationslager und an die Ermordung von Eltern und Großeltern, von Geschwistern, von Verwandten und Freunden. 

Wir sind heute hier im Bundestag zusammengekommen, um ihrer zu gedenken, aller Opfer des Nationalsozialismus. Dazu gehören auch die Zwangs- und Sklavenarbeiter. Daraus haben wir erst spät, für viele Opfer zu spät, die nötigen Konsequenzen gezogen. Ich hoffe sehr, dass die ersten Zahlungen bald möglich werden.

Wenn wir in der eigenen Familie oder mit Freunden und Bekannten über ihre Erlebnisse und Erinnerungen sprechen können, dann rückt ihre Zeit der unseren näher. Wir wissen, dass das Bild von der Zeit des Nationalsozialismus bis heute entscheidend geprägt wird von Geschichten, die in den Familien erzählt werden. Das gilt für die Familien von Verfolgten genauso wie für die Familien von Tätern, von Mitläufern und Zuschauern. Diese "Familiengeschichten", aber auch das Interesse an Filmen über die Zeit des Nationalsozialismus, an Biographien und an Zeitzeugenberichten zeigen, dass dieser Teil unserer Geschichte immer noch in unserem Bewusstsein ist und uns beschäftigt. Davon zeugen auch die vielen lokalen und regionalen Gedenkstätten, die Ausstellungen und historischen Initiativen, für die ich dankbar bin. 

Neben dem Interesse daran, etwas über die große Politik, aber auch über den Alltag zu erfahren, gibt es jedoch auch ein - allerdings nur selten offen ausgesprochenes - Unbehagen, ja einen Unwillen gegenüber dem, was als staatlich verordnetes Erinnern empfunden wird. Dieser Unwille richtet sich zum Teil gegen die Lehrer und die Schulen, die heute für das Empfinden vieler Schüler das Dritte Reich und den Holocaust eher zuviel als zu wenig behandeln. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass früher das Gegenteil beklagt wurde. Nach meinem Eindruck dürfen wir auch in dieser Frage nicht mehr von den Schulen erwarten, als sie leisten können.

Unbehagen und Unwille richten sich zum Teil auch gegen Erinnerungsstätten wie das geplante Holocaust-Mahnmal und gegen offizielle Gedenkveranstaltungen wie die heutige. Aus Anlass des fünfzigsten Jahrestags des Kriegsendes habe ich vor sechs Jahren im Bundestag schon darauf hingewiesen, dass die Politik dieses Unbehagen und diesen Unwillen nicht ignorieren darf. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Gefühle von denen ausgebeutet werden, die auf Klitterung und Fälschung der Geschichte aus sind und die damit den Boden bereiten wollen für neue Ausgrenzung, für neuen Hass und dafür, dass bestimmten Menschen und bestimmten Gruppen von Menschen die Menschenwürde abgesprochen wird.

Wir müssen uns mit den Gründen für diesen Unwillen und dies Unbehagen auseinandersetzen. Wir kennen sie doch alle, aber wir sprechen zu wenig darüber. Wer kennt nicht den Verdacht, das öffentliche Erinnern sei eine besondere Form des Wohlverhaltens gegenüber dem Ausland? Wer hat noch nicht die Klage gehört, dass in den Schulen zuviel des Guten getan werde, so dass Schüler sich überfüttert fühlen? Wer ist noch nicht danach gefragt worden, warum das, was man doch längst wisse, ständig wiederholt werden müsse? Wer von uns ist nicht schon dem Missverständnis begegnet, dass Gedenkstätten und Gedenktage jeder neuen Generation ein Schuldgefühl vermitteln sollen? Nicht jeder, der so fragt, tut das in böser Absicht. Darum wäre es falsch, alle, die so fragen, pauschal in die rechtsextreme Ecke zu stellen und ihre Fragen vom Tisch zu wischen. Wir müssen Antworten geben. Das wird uns nur dann gelingen, wenn wir uns immer wieder des Sinns vergewissern, den Gedenkstätten und Gedenktage haben.

 

II.

Wir erinnern uns ja nie ein- für allemal. Jeder von uns hat schon die Erfahrung gemacht, wie sich im Laufe eines Lebens die Deutung des Zurückliegenden weiterentwickelt und verändert. Das gilt auch für Völker und Nationen. Unsere Sicht der Vergangenheit ändert sich. Jede Generation muss sich mit der Geschichte des eigenen Landes neu auseinandersetzen. Dabei geht es nicht so sehr um neue Fakten oder neue Spuren. Die Bedeutung aber, die wir Fakten und historischen Ereignissen beimessen, kann sich mit der Zeit ändern, manchmal sogar entscheidend. Das ist, wie wir alle wissen, keine akademische Frage. Das Bild, das wir uns von der Vergangenheit machen, bestimmt unsere politische Gegenwart. Geschichtsbilder haben Wirkungsmacht für die Interpretation der Gegenwart und für die Gestaltung der Zukunft. Bei uns in Deutschland gilt das ganz besonders für die Geschichte des Dritten Reichs. 

Wir erinnern uns an diese Zeit vor allem anderen der Opfer wegen. Darum haben wir seit einigen Jahren einen eigenen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, zu dem wir heute zusammen gekommen sind. Wir gedenken nicht um der Wirkung nach außen willen, sondern um unserer selbst willen. Wir erinnern uns an die Vergangenheit auch mit Blick auf die Zukunft. Wir vergewissern uns damit unserer Grundwerte und bekräftigen, dass wir an ihnen festhalten wollen. 

 

III.

Man braucht nie etwas über das Dritte Reich und seine Gewalttaten gehört zu haben, um zu wissen, dass man Menschen nicht verfolgt, misshandelt und totschlägt. Wir müssen sogar die Erfahrung machen, dass alles Wissen über den Nationalsozialismus rechtsextreme Gewalt und menschenfeindliche Gesinnung nicht verhindert. Es gibt Rechtsextremisten, die viel über das Dritte Reich wissen, mehr als manche andere. Aus Wissen allein entstehen weder persönliche Moral noch ethische Überzeugungen. 

Die Erinnerung kann uns helfen zu verstehen. Sie kann uns zeigen, was geschieht, wenn die Würde des Menschen von Staats wegen außer Kraft gesetzt wird, wenn die Vernichtung der Würde des Menschen Ziel und Inhalt der Politik ist. Indem die Nationalsozialisten das Leben bestimmter Menschen oder Gruppen für lebensunwert erklärten, richteten sie sich gegen die Menschlichkeit selber. 

Darum haben die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen an den Anfang der Verfassung gestellt. Das ist die Konsequenz, die sie aus der nationalsozialistischen Herrschaft gezogen haben. Das ist der Grundkonsens der Republik. Ethische Überzeugungen sind nie ein für allemal gesichert. Sie müssen gelernt, und vor allem müssen sie vorgelebt werden. Die Menschenwürde ist ja nicht erst dann in Gefahr, wenn Häuser angezündet und Menschen durch Straßen gehetzt werden. 

 

IV.

Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Wenige Monate später war Deutschland mit der bedingungslosen Kapitulation vom Nationalsozialismus befreit. Bis zum Schluss waren viele, vielleicht sogar die meisten Deutschen dem Regime treu geblieben - wegen der staatlichen Propaganda oder auch durch die gemeinsame Erfahrung des schrecklichen Bombenkriegs.

So hat es lange gedauert, bis wir erkannt haben, dass die militärische Niederlage wirklich auch die Befreiung und die Möglichkeit für einen neuen Anfang war. Erst allmählich haben wir zu würdigen verstanden, dass auch in der dunkelsten Zeit viele Deutsche nicht nur anders gedacht, sondern auch anders gehandelt haben. Wir haben gerade heute allen Anlass, dankbar an jene Deutsche zu erinnern, die sich in ihrer Achtung der Menschenwürde nicht haben beirren lassen.

Gewiss: es hat damals sehr viel weniger Widerstand und Hilfe für Verfolgte gegeben, als wir uns das im nachhinein wünschen. Es hat aber mehr gegeben, als wir lange gewusst haben. Es hat von Anfang an organisierten und individuellen Widerstand in Deutschland und unter den Deutschen im Exil gegeben. Dazu gehörten Kommunisten, Gewerkschafter und Sozialdemokraten. Es gab den christlichen Widerstand, es gab den Widerstand aus einer konservativen Haltung heraus; es gab, wenn auch spät, Widerstand aus der Wehrmacht; es gab den Widerstand von jungen Menschen wie den der "Weißen Rose". Es gab auch einen Mann wie Georg Elser, der für sich allein entschieden hat, Adolf Hitler zu bekämpfen. 

Nicht weit von hier, in der Rosenthaler Straße, hatte Otto Weidt seine Blindenwerkstatt, in der er jüdische Mitbürger vor der Deportation bewahrt hat. Vor zwei Wochen ist im französischen Banyuls-sur-Mer, an der Grenze nach Spanien, ein Denkmal für die Emigranten Hans und Lisa Fittko eingeweiht worden, die vielen Menschen zur Flucht über die Pyrenäen verholfen haben. Sie gehören zu den Männern und Frauen, die zu Recht "stille Helden" genannt werden.

Die Erinnerung daran kann die Verbrechen nicht zudecken und nicht relativieren, die von Deutschen begangen worden sind - ich sage ausdrücklich: von Deutschen, nicht von den Deutschen, aber auch nicht "im deutschen Namen" , wie oft gesagt wird. Die Erinnerung an Widerstand und gelebte Mitmenschlichkeit zeigt uns vielmehr, dass es selbst in der Diktatur die Möglichkeit gab, sich für Menschlichkeit und gegen Unmenschlichkeit zu entscheiden. 

 

V.

Wenn wir uns an diese Zeit erinnern, an deutsche Schuld damals und an unsere bleibende Verantwortung, dann nicht deshalb, weil wir Deutschen besonders anfällig wären für Rassismus und Antisemitismus. Unsere Vergangenheit verpflichtet uns aber besonders, auf die geringsten Anzeichen von Antisemitismus, von Rassismus und von Angriffen auf die Würde des Menschen zu achten. 

Jede Gewalttat ist schrecklich, von wem immer und warum immer sie begangen wird. Wenn hinter Gewalttaten gegen Behinderte, Obdachlose oder Fremde aber ausdrücklich nazistisches oder antisemitisches Denken steht, wenn nazistische Symbole oder Ausdrücke benutzt werden, dann alarmiert uns das zu Recht mehr als andere kriminelle Handlungen. Gewalttätiger Rechtsextremismus muss politisch und juristisch bekämpft werden. Jeder und jede muss sich auf unseren Straßen und Plätzen, in U-Bahn und Bus sicher fühlen können. Das ist eine Aufgabe, die uns alle angeht, in Ost und in West. Weil diese Aufgabe so wichtig ist, können wir weder Verharmlosung noch Hysterie gebrauchen. Gewalttätiger Extremismus existiert nicht nur am Rande unserer Gesellschaft, aber er ist Sache einer kleinen Minderheit. Er bedroht unsere Gesellschaft und unsere staatliche Ordnung nicht in ihrem Kern. Wir müssen uns aber intensiv mit ihm auseinandersetzen. Das gilt auch für seine geistigen Wegbereiter, seine Sympathisanten und seine Unterstützer.

 

VI.

Wenn wir diese Auseinandersetzung erfolgreich führen wollen, dann dürfen wir keine falsche Vorstellung von dem haben, was der Nationalsozialismus war. Wer ihn verstehen will, der muss ihn auch begreifen als einen Teil der Geschichte der Moderne, der Geschichte der totalitären Utopien. Der Nationalsozialismus - auch ein Irrweg der Moderne: Das relativiert nichts, das nimmt nichts zurück von deutscher Schuld, das rührt nicht an den Zivilisationsbruch, für den Auschwitz steht.

Lange Zeit erschien uns das Dritte Reich als eine rückwärts gerichtete Epoche. Im Vordergrund unseres Bildes vom Nationalsozialismus standen die Parolen der Blut- und Bodenpropaganda oder der Germanenkult. Das war ein Fehler. Wenn wir den Nationalsozialismus nicht als Teil der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, ja, als Teil der Moderne begreifen, dann wirkt er wie ein kosmisches Ereignis, das über uns gekommen ist, an das wir uns mit Entsetzen erinnern, das aber mit unserer Welt nichts zu tun hat.

 

VII.

Wir wissen aus der zeitgeschichtlichen Forschung über das Dritte Reich, dass viele gesellschaftliche Gruppen im damaligen Deutschland sehr bereitwillig den Nationalsozialismus unterstützt haben, weil er ihre besonderen Interessen aufgriff und zu bedienen verstand. Nicht zuletzt Akademiker und Wissenschaftler waren davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus auf der Höhe der Zeit sei. Das war kein Zufall. Von vielen politischen Bewegungen der Zeit unterschied er sich weniger in den Themen als in der Radikalität seiner Antworten und in seiner Bereitschaft, sie rücksichtslos in die Tat umzusetzen. Dabei spielten Wissenschaft und Forschung eine besondere Rolle. Lassen Sie mich dazu einige Bemerkungen machen. 

Es waren Wissenschaftler, die mit ihren Theorien über Rasse, Eugenik und Selektion die NS-Ideologie vorbereitet und weiterentwickelt haben. Es waren Juristen, die die Rassenideologie in Paragraphenform gebracht und exekutiert haben. Es waren Historiker und Bevölkerungswissenschaftler, die die Ideologie vom sogenannten Lebensraum im Osten und die Pläne für die sogenannte Umvolkung entwickelt oder unterstützt haben. Es waren Ärzte, die Behinderte klassifiziert, an Zwillingen experimentiert und Kranke und Alte getötet haben. Ärzte und Wissenschaftler waren es auch, die Menschenexperimente in Konzentrationslagern durchgeführt haben, um der eigenen Karriere willen. All das geschah mit der Unterstützung traditionsreicher Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen. Ich bin froh darüber, dass auch die großen Wissenschaftsorganisationen sich nun mit ihrer Geschichte im Dritten Reich auseinandersetzen. 

Die Wissenschaftler, von denen ich spreche, waren nicht in allen Fällen überzeugte Nazis. Sie waren Wissenschaftler ohne jede Selbstbeschränkung. Für sie war der Zivilisationsbruch das Tor zu neuen Möglichkeiten. Ein Historiker hat das einmal so zusammengefasst: "Den Bruch mit religiösen und ethischen Traditionen empfanden die Forscher ... als Befreiung aus überkommenen moralischen Fesseln, als Chance zur Verwirklichung ihrer spezifischen Forschungsziele."*) Die biologistische Utopie des Nationalsozialismus konnte sich in vielem auf wissenschaftliche Forschung in vielen Ländern berufen. Sie war der Versuch, mit Hilfe modernster Wissenschaft und Technik ein rassistisches Menschenbild durchzusetzen und eine Gesellschaftsordnung zu verwirklichen, die dem entsprach.

Die ersten Opfer der systematischen Selektions- und Vernichtungspolitik waren Behinderte. Sie werden oft vergessen. Inzwischen wissen wir, dass das Euthanasieprojekt personell, institutionell und methodisch ganz eng mit der systematischen Vernichtung der europäischen Juden verknüpft war. Viel zu lange haben wir nicht wahrgenommen und nicht anerkannt, dass auch Sinti und Roma Opfer rassistischer Verfolgung waren, weil sie nicht dem nationalsozialistischen Menschenbild entsprachen. Hier konnten sich die Nationalsozialisten auf weit verbreitete Vorurteile und Ressentiments stützen, die, wie der Antisemitismus, lange vor 1933 existierten. Wenn wir über die Opfer sprechen, dürfen wir auch die Homosexuellen nicht vergessen. 

Vor wenigen Tagen habe ich bei Sebastian Haffner in seinen Erinnerungen den hellsichtigen Satz gelesen: "Ist erst einmal die grundsätzliche und immerwährende Mordbereitschaft gegen Mitmenschen geweckt, und sogar zur Pflicht gemacht, so ist es eine Kleinigkeit, die Einzelobjekte zu wechseln." Und genau so kam es.

 

VIII.

Der Nationalsozialismus bestand wahrlich nicht nur aus Wahnvorstellungen. Er konnte sich in vielen Punkten auf das stützen, was damals wissenschaftlich möglich schien - in der Medizin, in der Geschichtswissenschaft, in der Entwicklungsbiologie, in der Rechtswissenschaft und in vielen anderen Disziplinen mehr. Diesen wissenschaftlichen Positionen und der Ideologie des Nationalsozialismus war die Auffassung gemeinsam, dass die Menschen nicht nur unterschiedlich sind, sondern auch unterschiedlich viel wert, dass man sie in "lebenswerte" und "lebensunwerte" einteilen könne; dass es erlaubt sei, Menschen auszugrenzen und zu beseitigen; dass es erlaubt sei, Menschen zu züchten. Wissenschaft und Ideologie war die Überzeugung gemeinsam, dass man alles machen dürfe, was möglich ist - wenn es nur nützt: der eigenen Gruppe, dem eigenen Volk, der eigenen Rasse. Der Zweck heiligte jedes Mittel.

Die Erinnerung daran ist ein immerwährender Appell an alle Nachgeborenen, dass nichts über die Freiheit und die Würde des einzelnen Menschen gestellt werden darf. Sein Recht auf Freiheit, auf Selbstbestimmung und auf Achtung seiner Würde darf niemals zu Gunsten angeblich höherer Werte geopfert werden. Eine Ethik, die auf diesen Grundsätzen beruht, gibt es nicht umsonst. Wir müssen uns darüber klar sein, dass ethische Grundsätze einen Preis haben, wenn wir sie ernstnehmen.

 

IX.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar". Wenn es uns damit ernst wird und ernst ist, dann werden wir manches nicht machen dürfen, was wir machen könnten. Fortschritt ist kein Selbstzweck und nicht automatisch ein Wert an sich. Angesichts der technischen Möglichkeiten ist es wichtiger denn je, dass wir uns darauf verständigen, was wir unter Fortschritt verstehen und welche Richtung wir dem Fortschritt geben wollen. Wir brauchen einen Fortschritt nach menschlichem Maß. 

Was das bedeutet, muss von der Gesellschaft diskutiert und demokratisch verbindlich festgelegt werden. Wer das als Behinderung der Wissenschaft kritisiert oder solche Entscheidungen allein der Wissenschaft selber überlassen will, der verwechselt die Aufgaben von Wissenschaft und Politik. Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung ist gebunden an die grundlegenden Werte unserer Verfassung. Das ist Auftrag für Politik und Wissenschaft.

Die Erinnerung an unsere Geschichte hilft uns zu begreifen, was geschieht, wenn Maßstäbe verrückt werden; wenn der Respekt vor der Würde jedes einzelnen verloren geht; wenn Menschen vom Subjekt zum Objekt gemacht werden.

Wir können soviel wie noch nie. Damit wächst auch die Gefahr, den Respekt zu verlieren: vor dem Leben, vor der Würde eines jeden Menschen, so wie er ist. Die neuen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten stellen uns auf vielen Feldern vor schwierige Entscheidungen. Richtig entscheiden können wir nur dann, wenn ein Satz, wenn ein Grundsatz über allem steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

*) Götz Aly: Macht, Geist, Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens, Berlin 1997, S. 91

 

 

 
  Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau bei der Eröffnung der ständigen Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin
 

  Das Museum, das wir heute eröffnen und das ab übermorgen allen offen steht, ist ein besonderes Museum.

Das Jüdische Museum Berlin soll uns vertraut machen mit "Zwei Jahrtausenden deutsch-jüdischer Geschichte". Das ist ein ehrgeiziges, ein eigentlich unerreichbares Ziel.

"Zwei Jahrtausende deutsch-jüdischer Geschichte" zu zeigen und anschaulich zu machen, das ist nicht nur ehrgeizig, das ist auch dringend notwendig. Wie viele wissen denn, dass es schon seit fast zweitausend Jahren jüdisches Leben im Gebiet des heutigen Deutschland gibt?

Die erste Urkunde, die jüdisches Leben auf deutschem Boden bezeugt, stammt aus dem Jahre 321. Damals bestimmte der römische Kaiser Konstantin der Große, dass Juden in die Kurie, heute würden wir sagen: in den Stadtrat von Colonia Agrippina, dem heutigen Köln, gewählt werden können. Sie hatten also schon seit Jahrzehnten dort gelebt.

Die meisten Juden, die sich später auch in anderen Zentren am Rhein und an der Mosel angesiedelt haben, lebten zunächst von der Landwirtschaft. Später gab es unter ihnen Weinbergbesitzer, Kaufleute, Handwerker oder Ärzte.

Wir wissen bis heute wenig über den Alltag der Juden in Städten wie Speyer, Worms, Mainz und Trier in den ersten Jahrhunderten. Sie haben in eigenen Gemeinschaften gelebt. Im frühen Mittelalter waren sie den meisten ihrer christlichen Nachbarn fremd, aber sie haben am Alltagsleben teilgenommen.

Mit den Kreuzzügen hat sich das Verhältnis zwischen Christen und Juden dramatisch geändert. Schon während des ersten Kreuzzugs (1096) haben Kreuzfahrer fünftausend Juden umgebracht. Damit begann eine neue, eine verhängnisvolle Phase der Geschichte der Juden in Deutschland und in Europa, die - mit Unterbrechungen - bis ins 18. Jahrhundert, bis zur Aufklärung, gedauert hat.

Das waren Jahrhunderte der Aussonderung, der Abgrenzung und der Verfolgung: Juden mussten einen gelben Fleck auf ihrer Kleidung tragen. Schritt für Schritt sind sie aus der Landwirtschaft, aus dem Fernhandel und aus vielen Berufen vertrieben und in andere Berufe hineingedrängt worden.

Sie wurden Opfer absurder Beschuldigungen und Phantasien. "Ritualmord" und "Brunnenvergiftung" wurden ihnen vorgeworfen. Auch für die Pest sollten sie verantwortlich sein. Solche Anschuldigungen provozierten in Zeiten religiöser, wirtschaftlicher und politischer Konflikte überall in Europa Verfolgung und schreckliche Pogrome und dienten zugleich deren Rechtfertigung.

II.

Ungeachtet aller Verfolgung, ungeachtet aller Ausgrenzung und Benachteiligung hatten die jüdischen Gemeinden in Deutschland und in Europa ein intensives religiöses, soziales und kulturelles Gemeindeleben. Dazu gehörte eine reichhaltige jiddische Literatur.

Jiddisch und Deutsch haben sich gegenseitig befruchtet. Im Jiddischen hat sich eine frühe Form des Deutschen erhalten, und viele jiddische Lehnwörter und Redewendungen finden sich noch heute im Deutschen.

Juden haben nicht abgeschottet gelebt, sondern in regem Austausch mit ihrer Umwelt. Sie wirkten über die eigene Gemeinschaft hinaus in die ganze Gesellschaft hinein. Lassen Sie mich nur zwei Beispiele nennen:

Die Schriften von Aristoteles waren Jahrhunderte lang in Westeuropa unbekannt. Jüdische Gelehrte waren es, die sie aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt und im 12. Jahrhundert wieder nach Westeuropa gebracht haben.

Juden haben zur höfischen Kultur Europas beigetragen. Ich erinnere an Süßkind von Trimberg, den Minnesänger.

Juden haben also nicht erst seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der deutschen und der europäischen Kultur geleistet. Sie waren daran von Anfang an beteiligt. Die Wurzeln Europas liegen nicht allein im Christentum. Zu den Wurzeln Europas gehört auch die jüdische Kultur - übrigens auch die islamische.

III.

Der Beitrag von Juden zur Wissenschaft, zu Kunst und Kultur in Deutschland und Europa ist außerordentlich, wenn wir nur an die letzten drei Jahrhunderte denken. Stellvertretend für viele andere nenne ich Moses Mendelssohn, Rahel Varnhagen, Heinrich Heine, Max Liebermann, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Albert Einstein, Theodor W. Adorno und den kürzlich gestorbenen Hans Mayer.

So unverwechselbar jede und jeder von ihnen war, so unverwechselbar gehören sie zu der über Jahrhunderte gewachsenen deutsch-jüdischen Kultur.

Das Museum, das wir heute eröffnen, möchte uns diese Kultur in all ihren Facetten nahbringen. Das Jüdische Museum Berlin will und soll kein Holocaust-Museum sein.

Das ist eine wichtige und richtige Entscheidung. Heute wissen ja nicht nur viele junge Leute von der Geschichte der Juden in Deutschland und in Europa nur eines:

dass die Nationalsozialisten den Massenmord an den europäischen Juden geplant und exekutiert haben.

Wir müssen die Erinnerung an diese Katastrophe wach halten. Das tut auch dieses Gebäude, das tut auch die Ausstellung, die wir heute eröffnen. Das darf aber nicht zu dem Fehlschluss führen, dass der Holocaust die Summe der deutsch-jüdischen Geschichte sei.

Dem müssen wir entgegen treten. Da leistet dieses Museum einen ganz wichtigen Beitrag. Die Nationalsozialisten wollten die europäischen Juden ja nicht nur physisch vernichten, sondern auf immer auch darüber bestimmen, wie jüdische Kultur und wie die deutsch-jüdischen Beziehungen dargestellt werden.

Darum ist es so wichtig, dass wir in diesem Museum Zeichen und Zeugnisse der deutsch-jüdischen Beziehungen aus fast zweitausend Jahren finden.

Wenn wir uns mit dieser Geschichte in ihrer Gesamtheit vertraut machen, dann wird uns noch stärker bewusst werden, wie schwer der Verlust wiegt, den wir uns auch selber durch den Holocaust zugefügt haben.

IV.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte sich wohl niemand in Deutschland das unsäglich Schreckliche vorstellen können, das zwischen 1933 und 1945 geschehen ist.

Die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden hatte sich langsam und schrittweise durchgesetzt. Mit der Verfassung des Deutschen Reichs von 1871 hatten Juden erstmals gleiche Rechte und Pflichten wie alle anderen deutschen Staatsbürger. Erst recht galt das für die Verfassung der ersten deutschen Republik 1919.

Gewiss stellten sich seit dem Deutschen Kaiserreich antisemitische Parteien zur Wahl. Weder im Kaiserreich noch in der Weimarer Republik bis kurz vor 1933 konnten sie aber bestimmenden Einfluss gewinnen.

Wir wissen natürlich, dass Juden in vielen gesellschaftlichen Bereichen diskriminiert wurden. Ein besonders abschreckendes Beispiel war der Historiker Heinrich von Treitschke mit seinen antisemitischen Ausfällen. Zur deutschen Geschichte gehört aber auch, dass ein anderer Historiker, Theodor Mommsen, Treitschke klar und unmissverständlich entgegengetreten ist und die deutschen Juden gegen Verleumdung und Infamie verteidigt hat.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien vielen der Antisemitismus ein Relikt aus unaufgeklärten Zeiten, das die moderne Gesellschaft zum Verschwinden bringen werde.

Für viele Juden war Deutschland ganz selbstverständlich ihr Vaterland. Sie waren geachtete Staatsbürger und fest in der Gesellschaft integriert.

V.

Gerade deshalb stellen so viele seit einem halben Jahrhundert die Frage, wie es zu Auschwitz kommen konnte. Auch ich kenne keine schlüssige Antwort.

Gewiss: Ohne den religiösen, ohne den ökonomischen und ohne den rassistischen Antisemitismus wäre der Holocaust nicht möglich gewesen; einen Automatismus aber hat es nicht gegeben.

Bis heute hört man die Behauptung, die deutschen Juden hätten ihre Situation in der deutschen Gesellschaft völlig verkannt. Hätten sie die antisemitischen Tendenzen ernst genommen, dann wäre ihnen klar geworden, wohin das führen wird.

Ich kann dieses Argument verstehen, weil es der Versuch ist, etwas Unfassbares zu erklären. Verständlich ist dieses Argument, richtig ist es nicht.

Es stimmt: In der Geschichte gibt es wenig, was wirkungsmächtiger ist als Traditionen, die über Jahrhunderte gewachsen sind.

Es stimmt aber auch, dass es in der Geschichte Brüche gibt, die man nicht voraussehen kann und die man auch im Rückblick nur schwer verstehen kann, wenn sie überhaupt zu verstehen sind.

Der Holocaust war ein solcher Bruch. Er war ein Zivilisationsbruch und eben nicht das von Anfang an absehbare böse Ende jüdischen Lebens in Deutschland. Der Holocaust war weder im deutschen Wesen noch in der deutschen Geschichte angelegt. Die Schuld für das, was den deutschen und europäischen Juden angetan worden ist, tragen die, die den Massenmord geplant, angeordnet und begangen haben.

VI.

Zur Geschichte der deutsch-jüdischen Beziehungen gehören auch Frauen und Männer in Deutschland, die Juden in der Zeit schlimmster Verfolgung geschützt, versteckt und gerettet haben.

Einer dieser Männer ist der Besen- und Bürstenbinder Otto Weidt, der bis 1945 in seiner Blindenwerkstatt in der Rosenthaler Straße hier in Berlin Juden beschäftigt, andere versteckt und ihnen so das Leben gerettet hat.

Otto Weidt gehört zu den "Stillen Helden", von denen es viel weniger gegeben hat, als wir uns das heute wünschen. Es waren aber doch viel mehr, als wir lange gewusst haben.

Darum ist es ein ganz wichtiges Zeichen, dass die Räume der Blindenwerkstatt Otto Weidt, die fast unverändert erhalten sind, heute als Dependance zum Jüdischen Museum Berlin gehören.

Ich finde es großartig, dass auf diese Weise an Männer und Frauen erinnert wird, die gezeigt haben, dass es selbst im Dritten Reich Entscheidungsspielräume und Handlungsmöglichkeiten gegeben hat. Das oft gehörte Argument, man habe eben nichts tun können, hält vor dem Beispiel dieser Menschen nicht stand.

Auch das gehört zur Geschichte der deutsch-jüdischen Beziehungen. Auch das sollten wir gerade an die jungen Menschen weitergeben, die wir für die Geschichte interessieren wollen. Engagement für Humanität und Menschenwürde entsteht ja nicht nur in der Auseinandersetzung mit den Schrecken der Vergangenheit. Solches Engagement entsteht auch dann, wenn wir die Lebensgeschichte von Menschen kennenlernen, die unter schwierigsten Bedingungen Humanität gelebt haben.

Zivilcourage braucht positive Beispiele.

VII.

Das Jüdische Museum Berlin möchte bewusst kein Ausstellungsort sein, an dem Geschichte in Vitrinen eingeschlossen und aufbewahrt wird. Dies Museum will ein Lehr- und Lernort sein. Es soll ein Ort der Begegnung werden für Jung und Alt, für Juden und Nicht-Juden, für Menschen unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen Kulturen.

Das ist schon dem leeren Gebäude gelungen: Seit seiner Eröffnung vor zwei Jahren haben fast eine halbe Million Menschen diesen faszinierenden Bau besucht. Daniel Libeskind hat damit einen unverwechselbaren Akzent gesetzt für die Architektur des neuen Berlin.

Dies Museum wird das Bewusstsein für den großen Beitrag wecken, den viele jüdische Deutsche und deutsche Juden zu unserer Kultur geleistet haben.

Das Jüdische Museum Berlin zeigt uns, dass jüdische und deutsche Geschichte mehr sind als Holocaust und Drittes Reich.

Ich wünsche mir, dass das Museum den Blick dafür schärft, wohin Vorurteile und Ressentiments führen können und dafür, dass es zu Toleranz und friedlichem Zusammenleben keine humane Alternative gibt. Intoleranz und Missachtung fangen übrigens bei der Sprache an.

VIII.

Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, wäre ohne die vielen Leihgeberinnen und Leihgeber aus aller Welt nicht denkbar, die bereit waren, dem Museum auch ganz persönliche Erinnerungsstücke zu überlassen.

Das ist vielen gewiss nicht leicht gefallen angesichts der Geschichte ihrer Familien. Ich möchte ihnen allen, ob sie hier sein können oder nicht, meinen Dank und meinen Respekt sagen.

Der Zeitpunkt der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin ist gut gewählt. Am 18. September beginnt nach dem jüdischen Kalender der siebte, der heilige Monat mit dem Fest Rosh Hashana. Ihm folgen Jom Kippur und das Laubhüttenfest. Mit diesen Festen beginnt das jüdische Jahr. Damit stehen sie im Zeichen von Erinnerung und der Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Dass wir die Erinnerung wach halten und so zu einer guten Zukunft beitragen, darin sehe ich das Geschenk dieses Tages.

 

 

 

 

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