1000 Jahre Antisemitismus

 

 

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Historischer Kalender

 

 

1000 Jahre Antisemitismus

 

Gottes Gnadenangebot

Harald Eckert

Christliche Freunde Israels, Altensteig

Samstag, 26.8.2000, in der Jesu-Ruf-Kapelle auf Kanaan

Ich bin sehr bewegt von dieser Gelegenheit und Möglichkeit, hier und heute einen Beitrag leisten zu dürfen, und bin mit großer Erwartung zu diesem Wochenende gekommen. Vielleicht ein paar kleine Vorbemerkungen:

Vorbemerkungen

Wir sind für diesen Anlaß, zu dem wir heute hier sind, eine auftragsbezogene Familie. Und das Besondere an dieser Familie ist, daß es eine Familie aus verschiedenen Generationen ist, aus verschiedenen gemeindlichen Hintergründen, aus verschiedenen Prägungen. Das ist für mich etwas sehr, sehr Kostbares. Wenn man sich überlegt: Die Marienschwestern – ich fange seit einem Jahr etwa erst an, sie näher kennenzulernen – galten für mich immer schon als eine der geistlichen Größen dieses Landes, einer der Plätze, an denen Buße getan worden ist und dadurch ein Grund dafür gelegt worden ist, daß Gott uns als ein Volk bis heute Gnade geben konnte und Seine Hand nicht zurückgezogen hat. Ich bin zutiefst dankbar und voll Respekt und Hochachtung vor dem, was diese Schwestern über die Jahrzehnte für unser Land und darüber hinaus darstellen im Geiste.

Daß wir hier zusammenkommen, Christen aus der Erweckungsbewegung der Nachkriegszeit und Christen aus den geistlichen Aufbrüchen unserer Zeit und hier an dieser Nahtstelle in eine Koalition, in eine geistliche Verbrüderung hineinfinden und gemeinsam für unser Land in den Riß treten, halte ich für etwas ganz Großes und Besonderes. Es ehrt mich, mit meinem kleinen Beitrag daran Anteil haben zu dürfen. Von den verschiedenen Hintergründen her müssen wir uns alle ein bißchen aneinander gewöhnen: die Marienschwestern an die Gruppen, die mehr aus der charismatischen Bewegung der neueren, der jüngeren Zeit kommen; und umgekehrt wir an die Marienschwestern mit ihrem Stil und ihrer Prägung. Aber es ist etwas Größeres, was uns verbindet, und das ist die Liebe zu unserem Volk, die Liebe zum Volk Israel und die Last, daß Gott uns Gnade geben möchte, damit sich der Fluch zum Segen, die Sünde zur Gnade wendet. Das ist größer, wesentlich größer und bedeutsamer als alle Unterschiedlichkeiten, an die wir uns vielleicht erst noch gewöhnen müssen.

Ich möchte kurz beten und, "Vater im Himmel, Dich im Namen Jesus um Deinen Schutz bitten und um die Leitung und Vollmacht des Heiligen Geistes, ohne den wir nichts vermögen. Alle Offenbarung kommt von Dir, Heiliger Geist, alle Überführung. Es ist nichts, was wir aus uns selbst machen könnten. Wir können uns nur Dir hinhalten und sagen: Geist Gottes, komm Du jetzt und tu Du Dein Werk in unserer Mitte, an unseren Herzen, in unserem Zusammensein, daß das zustande kommt in Jesu Namen, was Du Dir vorgenommen hast für jeden einzelnen von uns, für dieses Wochenende und für unser Land und unser Volk und unsere Beziehung zum Volk Israel. In Jesu Namen. Amen."

Die Überschrift über diesem Nachmittag lautet "Gottes Gnadenangebot". Ich habe mir diese Überschrift zu eigen gemacht, auch für die Dinge, die ich gerne sagen möchte. Ich möchte drei Bibelstellen an den Anfang stellen, die davon sprechen, wie das Gnadenangebot Gottes uns erreichen, betreffen und verändern kann. Alles drei sehr bekannte Stellen, die uns als Leitlinie dienen sollen für diesen Nachmittag, auch für den Bußteil, und dann in den Abend hineinmünden, wo wir Gottes Größe preisen wollen.

Die erste Stelle ist 2. Chronik 7,14: "Und wenn dann mein Volk, über das mein Name genannt ist, sich demütigt, daß sie beten und mein Angesicht suchen und sich von ihren bösen Wegen bekehren, so will ich vom Himmel her hören und ihre Sünde vergeben und ihr Land heilen."

Die zweite Stelle 1. Johannes 1,8–9: "Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit."

Und die dritte Stelle, heute schon mehrmals genannt, ist Römer 5,20b: "Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden."

Das ist aller Grund und der einzige Grund unserer Zuversicht und unserer Hoffnung – für uns persönlich, für unser Land, für die Gemeinde Jesu. Wir sind an diesem Wochenende zusammen, um über Sünde und Schuld zu sprechen. Gedenken ist der erste Teil dieses dreifachen Schrittes an diesem Wochenende. Gedenken heißt, sich zurückerinnern – heißt, den Dingen ins Angesicht zu sehen. Wir sind heute schon mit sehr massiven Dingen konfrontiert worden und werden heute nachmittag noch mit weiteren Dingen konfrontiert werden. Das ist ein schmerzlicher Weg. Das ist keine leichte Kost, aber eine, an der wir nicht vorbei können, wenn wir auf der Grundlage des Gedenkens wirklich in die Buße und dann auch in die Freisetzung hineinkommen wollen.

Alle drei Bibelstellen sprechen genau davon: daß es keine Abkürzung gibt zur Erlösung, keine Abkürzung gibt zur Vergebung, keine Abkürzung gibt zum Heil – und ich füge hinzu: auch: keine Abkürzung gibt zur Erweckung. Es gibt nur einen Weg. Und das ist der Weg, daß die Dinge, die in der Finsternis sind und waren, ans Licht kommen müssen. Das ist der einzige Weg. Dafür ist Jesus gestorben und hat den Weg frei gemacht, daß dies möglich ist. Aber dieser Weg wiederum ist voller Hoffnung und voller Verheißung und voller Kraft. Wir dürfen mit Zuversicht auf diesem Weg dahingehen; aber nicht die Abkürzung, sondern den langen Weg, den geraden Weg, den schmalen Weg, wie es in der Bibel heißt.

Das heißt auch: Mein Vortrag wird zwei Teile haben. Im ersten Teil werde ich über Sünde sprechen müssen und im zweiten Teil über das, was ich als das Gnadenangebot Gottes empfinde, wie es heute auch schon sehr schön zum Ausdruck gebracht worden ist.

Ich möchte eine Sache vorausschicken, die vielen von uns bekannt ist, die aber nicht oft genug gesagt werden kann. Gerade auch in Kreisen, die sich mit Buße und mit Israel beschäftigen, müssen wir uns selbst immer wieder daran erinnern: Es gibt einen Unterschied zwischen Überführung und Verdammnis. Es waren die Marienschwestern selbst, die bei jedem Vorgespräch und bei jeder passenden Gelegenheit deutlich gemacht haben: Wir gehen dieses Wochenende an im Zeichen des Sieges Jesu, im Zeichen Seines Kreuzestodes stellvertretend für unsere Schuld und die Schuld aller Menschheit. Das ist die Basis, mit der wir anmarschieren, und das ist das Ziel auf das wir zugehen. Überführung ist vom Geist Gottes gewirkt. Das Zeichen von Überführung und der Unterschied zur Verdammnis ist, daß Überführung immer mit einer offenen Tür, mit einer ausgestreckten Hand verbunden ist, immer mit Hoffnung, immer mit Gnade, mit einem Gnadenangebot. Verdammnis ist bedrückend, Verdammnis zeigt keine Tür auf, zeigt keine Hoffnung auf. Da schwingt nicht die väterliche Liebe Gottes mit, sondern da schwingt die Anklage des Feindes mit.

Wir sind heute hier und stellen uns allen ernsten Dingen unter dem Zeichen des Sieges am Kreuz, unter dem Zeichen des Blutes des Lammes, das vergossen ist. Das ist unsere Grundlage. Und nur auf dieser Basis wage ich es und wagen wir es, der Sünde zu gedenken und der Schuld zu gedenken, die so unfaßbar ist und so unaussprechlich und die wir heute immer nur ganz kurz und immer noch viel zu oberflächlich nur anreißen können.

Ich möchte über zwei Aspekte der Schuld sprechen. Einmal über die Schuld der Christenheit und dann auch noch einmal kurz über die Schuld von uns Deutschen. Ich werde vieles zitieren, um uns dies nahezubringen. Das ist meine Art und Weise, mit der ich gerne versuche, wichtige Aussagen auf den Punkt zu bringen Diese Zitate können nachgelesen werden an verschiedenen Stellen. Die Buchhinweise sind gegeben. Ich möchte auch darauf hinweisen, daß dieser Vortrag in der nächsten Zeit in die Internet-Seiten der Christlichen Freunde Israels hineingestellt werden wird und daß da auch die Passagen herausgeholt und abgedruckt werden können. Unsere Internet-Adresse lautet: www.cfri.de Es muß also jetzt nicht jeder krampfhaft versuchen, mitzuschreiben. Das wäre wohl eine Überforderung.

 

 

 

Anfänge des kirchlichen Antisemitismus

 

Die Anfänge gehen sehr, sehr weit zurück. Es gibt schon erste Dokumente und Zeitzeugen unmittelbar nach Abschluß des ersten Jahrhunderts, die von einem ansatzweisen christlichen Antisemitismus zeugen. Ein erster Meilenstein in der Entwicklung des christlichen Antisemitismus ist für mich mit dem Namen Origines verbunden, der einerseits zu den Kirchenvätern gezählt wird, andererseits aber auch als Ketzer verurteilt worden ist und von daher auch in der Kirche selbst eine zwiespältige Rolle spielt. Aber trotz aller Verurteilung und trotz aller Zwiespältigkeit hat er einen unwahrscheinlich großen Einfluß auf die Entwicklung der frühkatholischen Kirche und der späteren Christenheit genommen.

Eine starke Prägung ist von diesem Mann ausgegangen, im Prinzip die Prägung: weg von den hebräischen Wurzeln hin zu den griechischen Wurzeln. Origines war sehr stark beeinflußt von der damals aufkommenden neuplatonischen Lehre und hat seine Bibelauslegung sehr stark von diesem Gedankengebäude her formuliert und insbesondere die Methode der allegorischen Schriftauslegung aufgrund dieser Denkweise eingeführt. Er war es, der theologisch die Grundlage dafür gelegt hat, daß die alttestamentlichen Stellen, die sich eindeutig und bleibend auf Israel beziehen, allegorisch angewandt worden sind auf die Kirche, allerdings mit der Schizophrenie, die heute schon angesprochen worden ist, daß tatsächlich nur die Segensteile der Kirche zugeschrieben und die Fluchteile dem jüdischen Volk belassen worden sind. Jeder, der einigermaßen logisch denkt und scharfsinnig diese Sache anschaut, entdeckt hier einen Widerspruch und eine Schizophrenie, die mit keiner Grundregel sauberer biblischer Exegese zu vereinen ist. Das ist eine dämonische Verführung gewesen, die diesen Mann leider überfallen hat und durch ihn auf so schreckliche Weise in die Theologie der Christenheit hineingekommen ist.

Wir kommen zu einem weiteren Meilenstein in dieser Entwicklung, dem berühmten Kaiser Konstantin. Die meisten von uns wissen, was mit dem Begriff "konstantinische Wende" verbunden ist. Konstantin markiert eine Zäsur innerhalb des Römischen Reiches: zuvor eine Staatsmacht, die das Christentum zum Teil toleriert, zum Teil aber auch sehr heftig verfolgt hat – dann die Annahme des Christentums, erst im Sinne der Religionsfreiheit, später im Sinne einer Staatsreligion unter Ausschluß aller anderen Glaubensrichtungen. Konstantin selbst hat sich sehr stark ins kirchliche Leben eingemischt und hat nach dem Konzil von Nicäa 325 n. Chr., auf dem entschieden wurde, die Feiertage sollten neu geordnet werden und sich nicht mehr nach jüdischen, sondern nach heidnischen Vorgaben richten, einen Brief verfaßt. Dieser war an die weltweite Christenheit, soweit sie damals schon bestand, gerichtet, mit dem Ziel diese Entscheidung in aller Öffentlichkeit bekanntzugeben. Ich zitiere einige Sätze aus dem Brief. Dabei wird die Motivation sehr deutlich hervortreten:

"Konstantin August an die Gemeinden. Als beim Konzil von Nicäa die Frage des heiligen Festes Ostern aufkam, wurde einstimmig beschlossen, daß dieses Fest von allen und überall am gleichen Tag gefeiert werden sollte. Denn es erschien jedem eine äußerst unwürdige Tatsache, daß wir in diesem äußerst heiligen Fest den Gewohnheiten der Juden folgen sollten, welche – verdorbene Schufte! – ihre Hände befleckt haben mit einem ruchlosen Verbrechen. Es ist nur gerecht, daß sie in ihrem Sinn erblindet sind. Es ist daher passend, wenn wir die Praktiken dieses Volkes zurückweisen und in aller Zukunft das Begehen dieses Festes auf eine legitimere Art feiern. Laßt uns also nichts gemeinsam haben mit diesem äußerst feindlichen Pöbel der Juden."

Etwa ein halbes Jahrhundert später, zur Zeit des großen Augustinus, der nicht ganz so scharf gegen die Juden gehetzt hat, aber theologisch genauso stand wie die meisten anderen Kirchenväter dieser Zeit, war unter den Kirchenvätern der schon erwähnte Chrysostomos. Er galt als der großartigste und eloquenteste Prediger seiner Tage. Er war hoch angesehen, aber er war ein Judenhasser und hat seine Eloquenz benutzt – über Jahre hinweg, konsequent –, um gegen die Juden zu hetzen. Er hat ein Vokabular geprägt, das in den Jahrhunderten darauf in den verschiedensten Abwandlungen zu einer Todesfalle für die jüdische Bevölkerung werden sollte. In einer seiner vielen Predigten zu diesem Thema sagt er z. B. Folgendes – ich zitiere hier aus dem Buch von Edward Flannery, einem katholischen Historiker, der über die 23 Jahrhunderte des Antisemitismus sehr wissenschaftlich und akkurat geschrieben hat. Der allergrößte Teil des Buches galt dem 18. Jahrhundert, dem kirchlichen Antisemitismus. Er schreibt:

"Die Juden sind allesamt lüstern, Vergewaltiger, geizig, perfide Banditen, Mörder, Randalierer, vom Teufel besessen, schlimmer als die wildesten Tiere, Kindsmörder, schmutzig, gottlos. Ihre Synagogen sind Hurenhäuser, Räuberhöhlen, Wohnorte des Teufels. Das gleiche gilt auch für ihre Seelen." Er prophezeite den Juden: "Wegen ihres Mordes an Christus sind sie durch den Zorn Gottes für immer verstoßen und bestraft, ohne Land und ohne Tempel, für immer dem Joch der Knechtschaft unterworfen." Ich füge hier etwas ein: Gemeint ist von ihm und auch von Augustinus und anderen: dem Joch der Knechtschaft unter Christen unterworfen. Ich fahre fort mit dem Zitat: "Gott haßt die Juden und wird sie immer hassen." Und etwas später schließt er mit einem Appell an die Christen, der folgendermaßen lautet: "Es ist die Pflicht der Christen, die Juden zu hassen. Je mehr wir Christus lieben, desto mehr müssen wir die Juden bekämpfen, die ihn hassen."

Das war um 380 nach Christus. Dieses Vokabular und diese in größter Übereinstimmung gängige theologische Grundeinstellung gegenüber dem jüdischen Volk hatte immense Konsequenzen. Zunächst einmal die Konsequenzen, daß man die Kapitel 9–11 des Römerbriefes des Paulus völlig ablehnte und diese überhaupt nicht mehr verstanden oder ernst genommen wurden, zum Beispiel wie das gemeint ist mit den Wurzeln und Zweigen. Das ist in großen Teilen der Kirche aus der Theologie weitgehend ausgeblendet worden bis in unsere Zeit hinein – Stichwort "Ersatztheologie".

Die zweite Konsequenz ist, daß in diesem Vakuum, das dadurch entstanden ist, zwei Einflüsse sehr großen Raum bekommen haben. Das eine sind heidnische Einflüsse, Mysterienreligionen usw. Alles, was sich an Sakramentalismus, Zeremonien, Heiligen- und Reliquienverehrung manifestiert hat, fußt, wenn man dem nachgeht, auf heidnischen Bräuchen, die Eingang in die Kirche gefunden haben. Das zweite ist ein starker griechischer Einfluß, gerade durch Origines und anderes Griechisches Denken, griechische Philosophie, griechische Begrifflichkeit, mit der Konsequenz einer christlichen Theologie auf der Basis griechischer Denkmodelle. All das ist in dieser Zeit in die Fundamente der Kirche hineingekommen als Konsequenz davon, daß wir uns von unserem jüdischen Erbe losgesagt haben.

Weitere Konsequenzen im Laufe der Kirchengeschichte

Am Anfang stand die theologische Abgrenzung und die Überheblichkeit, die damit verbunden ist. Danach folgte, und zwar in dem Moment, als das Christentum um 380 n. Chr. herum zur Staatsreligion, zur einzig gültigen, legitimen Religion im Römischen Reich erklärt wurde, die Diskriminierung der Juden auf gesellschaftlicher Ebene. Sie waren Bürger zweiter Klasse. Eine Apartheid-Politik setzte damals ein bei den römischen, christlichen, katholischen Kaisern. Dem folgten etwa im 6. Jahrhundert erste massive lebensbedrohende Maßnahmen, und zwar in Spanien im Zusammenhang mit den Zwangstaufen. Ich werde dazu gleich etwas vorlesen. Das Ganze führte ab dem frühen 5./6. Jahrhundert in allen katholisch beeinflußten Gebieten Europas zu einer allgemeinen Stimmung, die den Weg bereitete für die Kreuzzüge, für die Massaker, für die Pogrome. Die Kreuzzüge setzten im 11./12. Jahrhundert ein. Die Massenhysterie im Zusammenhang mit den Pest-Epidemien prägte das 13./14. Jahrhundert. Die Inquisition fand ihre extremste Ausprägung vor allem im Spanien des 15./16. Jahrhunderts, nachdem der Islam dort seine große Rolle ausgespielt hatte. Dann drang der Antisemitismus im 17., 18. und 19. Jahrhundert mit großer Vehemenz in die Ostregionen Europas ein, nach Polen, in die Ukraine, nach Rußland usw. Über Luther kam der Antisemitismus in die protestantische Kirche. Das ersatztheologische Denken ist speziell und vor allem durch ihn in die protestantische Bewegung hineingekommen. Dann machte diese Bewegung auch nicht Halt, als sie sich in Richtung Völkermord bewegte. Anläufe dazu gab es schon im 13. Jahrhundert – den Höhepunkt kennen wir.

Ich möchte, weil es uns als Christen so besonders betrifft, einige Zitate zum Thema Zwangstaufe vorlesen. Die Juden wurden vor die Wahl gestellt, entweder zu fliehen, wenn ihnen die Obrigkeit noch gnädig gesonnen war, oder sich zu entscheiden, ob sie mit ihrem Leben bezahlen oder zwangsweise den katholischen Glauben annehmen wollen. Kinder wurden den Eltern entrissen, um sie zu taufen. Furchtbare Tragödien haben sich abgespielt. Wenn ich das vorlese – ich habe diese Zitate erst vor etwa einem Jahr entdeckt, und zwar in dem Buch von Dr. Michael Brown, der demnächst in Essen auf der "Awake Europe"-Konferenz einer der Hauptredner sein wird und dessen Buch wir gerade mit MegaMedien zusammen veröffentlichen und demnächst anbieten werden (das Buch steht auch mit auf der Bücherliste). Er hat hier noch viel mehr Zitate zu dem Thema gebracht. Ich wähle nur ein paar wenige aus.

Da heißt es in der Literatur, daß folgende Formulierungen den Juden zwangsweise nahegebracht worden sind: "Hiermit widersage ich jedem Ritus und jeder Beobachtung der jüdischen Religion, indem ich all ihre Zeremonien verachte, die ich früher gehalten habe. Ich verspreche, nie wieder zurückzukehren zu dem Erbrochenen des jüdischen Aberglaubens. Wir werden nichts zu tun haben mit den unter einem Fluch stehenden Juden, die ungetauft bleiben. Wir werden keine Beschneidung am Fleisch praktizieren noch das Passahfest oder den Sabbat oder irgendein anderes Fest feiern, das mit der jüdischen Religion zu tun hat."

Dann geht es weiter: "Wenn man uns dabei antrifft, irgendeine dieser Regeln, die wir jetzt erwähnt haben, zu brechen, dann soll der, bei dem diese Übertretung gefunden wird, entweder zugrunde gehen durch die Hand eines unserer Kameraden, indem er verbrannt oder gesteinigt wird, oder, falls unser Leben geschont bleiben soll, sollen wir unsere Freiheit verlieren, und wir werden uns mitsamt unserem Besitztum wem auch immer unterordnen in die ewige Sklaverei."

Dann geht es noch weiter: "Wenn ich aber von dem geraden Weg abweiche, so sollen alle Flüche des Gesetzes auf mich fallen, auf mein Haus und alle meine Kinder, und all die Plagen, die Ägypten heimgesucht haben, sollen auf uns kommen. Und wenn ich ankommen werde vor dem Gericht des furchtbaren und herrlichen Richters, unseres Herrn Jesus Christus, möge ich zu der Gemeinschaft derer gezählt werden, denen der herrliche und schreckliche Richter sagen wird: ‚Geht weg von mir, ihr Übeltäter, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.‘"

Das war gängige Praxis in vielen der europäischen, abendländischen Nationen und hat Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende von jüdischen Menschen herausgefordert und entweder zu einer zwangsweisen Assimilation geführt oder zum Selbstmord oder zum Tod durch andere Hände. Ich denke, es hilft uns zu verstehen, warum es Juden, die dies sehr wohl und sehr nachdrücklich in ihrer Erinnerung haben, so schwer fällt, mit dem Wort "Jesus", mit dem Kreuz, mit dem Namen der christlichen Kirche Positives zu verbinden, weil dies über Jahrhunderte hinweg das Bild war, von dem sie geprägt worden sind. Soweit dazu.

Zur deutschen Schuld ist schon manches gesagt worden. Aber auch hier scheint es mir trotzdem angebracht zu sein, nochmals manches auch mit Zahlen und Daten zu belegen. Ich möchte gerne aus dem Büchlein, das heute schon erwähnt worden ist, "Erhebt eure Stimmen", die Passagen zitieren, die unser deutschen Volk und uns als deutsche Kirchen betreffen, weil uns Gott dadurch einen Schlüssel, in die Hand geben möchte, was Buße und Aufarbeitung betrifft. Der Schlüssel ist: Wir müssen konkret werden. Wir müssen präzise werden. Es ist eine Sache, zu sagen: "Herr Jesus, bitte vergib die Schuld der Christenheit, vergib die Schuld unseres deutschen Volkes, vergib die Schuld des Holocaust." Es ist eine andere Sache, wenn wir vor Gott kommen und Ihn bitten: "Herr, bitte vergib die Schuld, die in meiner Familie war, bei meinen Vorfahren. Bitte vergib die Schuld, die in meiner Stadt und in meinem Ort geschehen ist" – und wir benennen diese Schuld mit Namen, mit Datum, mit Zahlen und Fakten. Deswegen lege ich Wert darauf, diese Dinge möglichst konkret und präzise zu kommunizieren.

 

 

Ich nenne noch einmal die sieben Höhepunkte des deutschen Antisemitismus:

     

  1. Der erste Höhepunkt waren die Kreuzzüge vor etwa 900 Jahren. Nach einer Zeit relativer Ruhe und Sicherheit brach urplötzlich eine Verfolgung aus durch den von den Kreuzfahrern angeführten, aufgestachelten Mob. Die Bilanz: Zwischen Januar und Juli 1096 kamen allein in diesen paar Monaten vorwiegend in Deutschland etwa 10 000 Juden ums Leben – über ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung in Deutschland und Nordfrankreich zu dieser Zeit. Betroffene Städte waren Speyer, Worms, Mainz, Köln, Trier und andere. Und das löste Angst und Terror unter den Juden in Deutschland aus.

     

     

  2. Der zweite Höhepunkt: 1171 wurde behauptet, Juden würden christliche Kinder umbringen, um ihr Blut für rituelle Zwecke zu gebrauchen. Es folgte eine Massenhysterie, die ebenfalls in Frankreich begann und dann sehr schnell nach Deutschland übersprang und da ihren Höhepunkt entfaltete. In Erfurt, Colmar, Krems, Magdeburg, Weißenburg, auch Paris, Bern, Würzburg und Posen, in Prag, Trient, Boppard, Budweis und vielen anderen Orten starben Tausende von Juden aufgrund dieser Hysterie.

     

     

  3. Der dritte Höhepunkt: 1298 die sogenannte Bewegung der Judenschlächter in Deutschland und Österreich. In diesem Jahr verbreitete sich in der Stadt Rottingen ein Gerücht, daß Juden eine Hostie entweiht hätten. Übrigens Historiker haben dies nachgeprüft: Kein einziges dieser Gerüchte hat sich bestätigt. Ein Adliger namens Rindfleisch hetzte daraufhin den Mob gegen die gesamte Judenschaft in Süddeutschland und Österreich auf. Dieser jagte die Juden, verbrannte und ermordete sie auf bestialische Weise. Die Bilanz: Ca. 140 jüdische Gemeinden wurden total vernichtet, etwa 100 000 Opfer waren damals zu beklagen. Einige Historiker bezeichnen diese Ereignisse als den ersten Versuch des kollektiven Völkermords an Juden in unserer Zeitrechnung in einer gewissen Region.

     

     

  4. Der vierte Höhepunkt: die schwarze Pest. Auf diese Seite haben uns die Marienschwestern in den letzten Jahren sehr deutlich aufmerksam gemacht. Die Juden wurden als Brunnenvergifter für den schwarzen Tod in den Jahren 1347–50 verantwortlich gemacht. Insgesamt wurden über 200 jüdische Gemeinden ausgelöscht. Es gab Zehntausende von Opfern, die mit ihrem Leben bezahlt haben.

     

     

  5. Den fünften Höhepunkt möchte ich auch noch einmal nennen. Er ist mit dem Namen Luther in Verbindung zu bringen, mit seinen über Jahre gehenden haßerfüllten Predigten gegen die Juden und seinen beiden Schriften, die er veröffentlicht hat. Und in einer dieser Schriften heißt es unter anderem –, und hier findet sich die Sprache von Chrysostomos wieder, bereichert um all die Lügen und Verleumdungen des Mittelalters –: "Juden sind Brunnenvergifter, rituelle Mörder, Wucherer, Parasiten der christlichen Gesellschaft. Sie sind schlimmer als Teufel, und es ist schwerer, sie zu bekehren als Satan selbst. Sie sind zur Hölle verdammt. Sie sind in Wahrheit der Antichristus. Ihre Synagogen sollen zerstört und ihre Bücher verboten werden. Sie sollen gezwungen werden, mit ihren Händen zu arbeiten – oder besser noch: Sie sollen von den Fürsten aus ihren Gebieten verjagt werden."

     

Diese Worte sind nicht wirkungslos verhallt, weder damals noch im 20. Jahrhundert. Damals haben viele Fürsten in Württemberg und anderen Regionen diese Worte ernst genommen und ihr Fürstentum judenfrei gemacht, die Juden vertrieben, Eigentum konfisziert, Synagogen verbrannt oder geschändet oder umfunktionert für andere Zwecke. Und ich teile Rudi Pinkes Einstellung zu den Kirchenvätern und auch zu Luther, daß man hier sehr wohl differenzieren muß und unterscheiden muß zwischen dem, was von Gott kam durch diese Männer und was bei weitem nicht von Gott kam. Es gibt Dinge, da habe ich hohen Respekt vor Männern wie Luther, Augustinus und anderen. Aber an diesem Punkt müssen wir leider diese deutliche Sprache reden und die Dinge beim Namen nennen, damit wir von der finsteren Seite unserer Kirchen und unseres Volkes wirklich Entlastung bekommen im Herrn. Das geht nicht anders als über den Weg des Bekenntnisses und des offenen Gedenkens.

     

  1. Der sechste Höhepunkt – und ich denke, es ist wichtig, diese Epoche auch noch mit in den Blick zu bekommen, auch hinsichtlich des Dritten Reichs – ist der sogenannte aufgeklärte Antisemitismus in Deutschland. Dieser Deckmantel ist heute noch sehr lebendig – der kirchliche nicht mehr so stark, aber der aufgeklärte schon noch. All diese Fakten habe ich aus dem Buch von Flannery entnommen. Er schreibt zum Thema "aufgeklärter Antisemitismus in Deutschland":

     

"Preußen war das Schlachtfeld in der Auseinandersetzung zwischen den Juden wie z. B. Mose Mendelsohn, welche die Assimilation anstrebten, und einer Phalanx von Philosophen und antisemitischen Autoren, von denen Schleiermacher, Fichte und – man merke bitte auf – Goethe die bekanntesten waren." – Und deswegen sage ich das hier, weil dieser Mann noch einen so unwahrscheinlichen Einfluß hat auf unser Volk heute. – "In der Tat wird Fichte von vielen als der geistige Urheber des rassistischen Antisemitismus angesehen, der später ganz Deutschland erfassen sollte. Von diesem Zeitpunkt an wurde Deutschland das konkurrenzlose geistige Zentrum des Antisemitismus und die Quelle eines schier endlosen Stroms antisemitischer Bücher und Traktate."

Das war Ende 18., Anfang 19. Jahrhunderts. Und dieser Strom ergoß sich in zunehmender Breite, Tiefe und Vehemenz bis in das Dritte Reich hinein. Das ist alles nicht von ungefähr gekommen. Das war kein Überfall aus finsterer Nacht. Das war etwas, was über Jahrhunderte und Jahrhunderte hinweg, über Generationen hinweg, wie wir es gehört haben, als Saat ausgestreut worden ist. Es war ein Wind, der gesät worden ist, und Sturm wurde geerntet. Saat und Ernte!

· Und dies führt uns zum siebten Höhepunkt: Hitler und der Holocaust. Davon haben wir heute schon einiges gehört, und diese Dinge sind auch eher bekannt, weshalb ich nicht weiter darauf eingehen möchte.

 

Konsequenzen des Antisemitsmus in Deutschland

Das Fazit ist, wie schon gesagt wurde: Keine andere Nation, kein anderes Volk in der Menschheitsgeschichte blickt auf eine derartige Geschichte des Antisemitismus zurück, wie das deutsche Volk. Für mich ergeben sich daraus mindestens drei Konsequenzen; die ich ganz kurz aussprechen möchte.

Erstens: Aufgrund dieser Historie und Biographie unseres Volkes gibt es zahlreiche massive Bindungen auf persönlicher und familiärer Ebene – Bruder Christoph Häselbarth hat sehr eingehend davon gesprochen.

Zweitens: Dieses finsterste Kapitel der Kirchengeschichte überhaupt hat ihren Geburtsort, ihren Nährboden und ihre schlimmsten Auswirkungen im sogenannten christlichen Abendland. Und genau dies ist das stärkste Hindernis für eine Erweckung in Europa. Es gibt nichts von vergleichbarer Heftigkeit, dämonischer Kraft und zeitlicher Dauer.

Drittens: Wenn wir diese Dinge nicht aus der Gnade Gottes heraus ans Licht und geistlich in Ordnung bringen können, soweit der Herr uns dazu Gnade gibt; wenn wir uns dessen nicht annehmen, redlich damit umgehen, so gut es uns der Herr möglich macht und schenkt, dann ist unser deutsches Volk in Zukunft in allergrößter Gefahr. In Gefahr im Sinne von Matthäus 25, im Sinne von Joel 4, im Sinne von Sacharja 12, im Sinne dieses Tals der Entscheidung, auf das wir zugehen; im Sinne des Endgerichts über die Nationen – in allergrößter Gefahr! Es ist eine Schicksalsfrage für unser Volk und für unsere Nation, uns dieser Geschichte zu stellen. Wir sind eine Priesterschaft, die von Gott hier zusammengerufen worden ist aus verschiedenen Generationen und Hintergründen, um vor Gott ein Zeichen zu setzen und, wenn Gott Gnade gibt, in eine neue Entwicklung, in eine neue Dimension hineinzutreten. Dazu erbitte ich Gnade von Gott für dieses Wochenende. Ich bin dankbar für alles, was der Geist Gottes gewirkt hat in diesen letzten 50, 55 Jahren auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene, auf der kirchlichen Ebene. Wir dürfen nichts gering achten und nichts von dem übersehen, was schon gemacht worden ist. Aber es ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Nein, in einem gewissen Sinn ist es erst ein Anfang, ein Vorlauf gewesen zu dem, was noch nötig ist.

Soweit die Rückschau. Vieles kann nur angerissen und angedeutet werden. Aber ich denke, im Zusammenspiel mit dem, was schon gesagt worden ist, macht es uns die Dimensionen deutlich, mit denen wir es zu tun haben als Christenheit und als Christen – und als Deutsche insbesondere, als Christen in Deutschland.

 

Wo stehen wir in Deutschland heute?

Auch drei Aspekte, in aller Kürze nur angerissen.

     

  1. Erstens. Der Geist des Antisemitismus ist in Deutschland nicht sanft entschlafen, wie viele Leute meinen, sondern im Untergrund – und mehr und mehr wieder an die Oberfläche kommend! – so mächtig und so wirksam wie eh und je. Diesem Drachen ist der Kopf noch nicht abgehauen worden, sondern er lebt und wirkt in unserem Volk und über unserem Volk noch mit großer Kraft und Macht. Ignatz Bubis hat gegen Ende seines Lebens, als er all seine jahrzehntelang genährten Hoffnungen auf die Normalisierung zwischen Deutschen und Juden ein Stück weit zu Grabe tragen mußte, viele Dinge anders gesagt als über lange Zeit seines Lebens zuvor. Eines von den Dingen, die er gesagt hat, ist: In der deutschen Intelligenz ist seiner Einschätzung nach noch etwa ein Drittel latent oder offensichtlich antisemitisch eingestellt. Und das zweite, was wir jetzt in unseren Tagen deutlich sehen ist, daß der Rechtsradikalismus und die Duldung desselben, die mehr oder weniger offensichtliche Akzeptanz desselben, nach wie vor eine sehr große Macht in unserem Volk darstellt. Und man könnte weitere Punkte aufführen.

     

     

  2. Zweitens – das ist auch schon angesprochen worden, und ich halte es für sehr wichtig: Wie wir alle überzeugt sind, die wir hier für dieses Wochenende Verantwortung tragen, ist noch immer nicht auf national bedeutsame und relevante Weise Buße getan worden über die Schuld des Dritten Reiches, und der vorausgegangenen Jahrhunderte des Antisemitismus. Es ist von einzelnen Buße getan worden. Aber es ist noch keine Buße geschehen oder aufgebrochen, die eine Dimension erreicht hat, die von nationaler Relevanz ist, die das Seelenbefinden unseres Volkes tief verändert und zurechtgebracht hat. Auf diese Ebene ist die Buße in Deutschland bis heute noch nicht gekommen. Jemand hat dies in ganz präziser Weise zum Ausdruck gebracht, und dieser Mann ist heute schon erwähnt worden, nämlich Elie Wiesel. Und auch die Gelegenheit, zu der er das gesagt hat, ist heute schon erwähnt worden, nämlich seine Ansprache vor dem Deutschen Bundestag am 27. Januar dieses Jahres. Da hat er unter vielen anderen sehr wichtigen Dingen folgendes gesagt. "Nach dem Krieg", sagte dieser Mann unseren Volksvertretern, "erwarteten einige von uns von einem besiegten und gedemütigten Deutschland eine kraftvollere Botschaft der Reue und Zerknirschung, die dem moralischen Anspruch gemäß wäre; es war aber eher nur eine politische. Doch dann, seit Konrad Adenauers Zeiten, sind Sie eine Demokratie geworden, die würdig war, ihren Platz in der Völkerfamilie einzunehmen. Ja, sie haben Israel politisch, wirtschaftlich und strategisch konsequent unterstützt. Ihre finanziellen Wiedergutmachungsleistungen an die Opfer, vor allem die jüdischen, und das, was sie für die Zwangsarbeiter nun als Gesetzesentwurf vorsehen, ist positiv. Aber vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen für eine Geste, die weltweites Echo fände."

     

Der Deutsche Bundestag muß sich hier mit Recht von einem Holocaustüberlebenden erstens sagen lassen: Wir haben damals auf eine Botschaft gewartet, die auf einer tieferen Ebene war als die Botschaften, die zu uns gekommen sind. Es wurde viel rationalisiert, viel analysiert, viel erklärt, auch entschuldigt hier und dort, aber mit dem Beigeschmack des verlorenen Ersten Weltkriegs, der hohen Arbeitslosigkeit und der Weimarer Republik, die nicht richtig funktioniert hat – mit Entschuldigungen als Hintertür; mal mehr, mal weniger, aber doch in prägender, in massiv öffentlich wirksamer Weise. – Das zweite, was dieser Mann uns sagt, ist: "Wir warten auf diese Botschaft der Reue und der Zerknirschung bis heute." Und er spricht hier eine große Wahrheit aus. Ich glaube persönlich, Gott möchte unserem Volk, von der einfachen Bevölkerung angefangen bis in die politische Spitze, bis in die Medien hinein, noch einmal eine Chance geben zu einer Buße, zu einer Zerbrochenheit, zu einer Betroffenheit zu kommen, die wirklich von nationaler Relevanz ist und die die seelische Befindlichkeit unseres Volkes nicht nur ankratzt, sondern tief berührt und verändert. Aber ob dies passieren kann, ist in allererster Linie eine Anfrage an den lebendigen Leib Jesu – an uns. Wir haben von Gott das Mandat und die Verantwortung in unseren Schoß gelegt bekommen, und er fragt uns, ob wir bereit sind, uns als Priesterschaft und als prophetisches Volk diesem Anspruch zu stellen und für unser Volk in den Riß zu treten oder nicht. Wenn wir nicht in diese Betroffenheit und Zerbrochenheit hineinfinden als Menschen, die vom Geist Gottes und vom Geist Jesu und vom Wort Gottes inspiriert und erfüllt sind, wie können wir es von irgend jemand anderem erwarten, liebe Geschwister? Dazu haben wir nicht das Recht. Nur da, wo wir prophetisch vorausgehen und priesterlich in den Riß treten, kann Gott den Raum in der unsichtbaren Welt dahingehend verändern, daß etwas von uns überschwappt in die säkulare Welt hinein, in die Gesellschaft hinein, die letztendlich dringend auf diese Freisetzung wartet und sich auf ihre Weise zunehmend und mit zunehmender Ernsthaftigkeit mit diesen Themen befaßt. Aber dieses Erlösende, dieses Freisetzende muß vom Leib Jesu ausgehen. Von wem soll es denn sonst ausgehen?

     

  1. Und drittens: Ich glaube mit meinen Brüdern und Schwestern hier, Gottes Gnadenangebot über Deutschland ist noch immer gültig. Er hat bis zu diesem Tag nach meinem Dafürhalten und nach unserem Dafürhalten Seine Hand noch nicht zurückgezogen, obwohl Er schon lang jedes Recht dazu gehabt hätte. Es ist erstaunlich, die unermeßliche Geduld Gottes anzusehen. Es gibt Zeichen der Hoffnung, immer mehr Zeichen der Hoffnung, daß Gott sich danach sehnt und durch das Wirken Seines Heiligen Geistes danach drängt, daß hier in unserem Land, in unserem Volk und angefangen im Leib Jesu etwas durchbricht, was darauf wartet, durchzubrechen. In der Gesellschaft die Diskussion über das Thema Aufarbeitung – Holocaust-Gedenkstätten, viele Gedenkstätten da und dort, am Obersalzberg, in Nürnberg, auf regionaler und lokaler Basis – Gedenktafeln werden errichtet. Es ist eine Bewegung in der Gesellschaft in Gang zu diesem Thema. Dann das andere, was mit der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Diskussion aufgebrochen ist in den letzten paar Jahren: das Nazi-Gold, das "braune" Gold – jetzt die Zwangsarbeiter-Entschädigung. Ich frage Sie, die diese Entwicklungen aufmerksam beobachtet haben über die letzten 30 Jahre vielleicht: Wer hätte in den 70er und Anfang der 80er Jahre gedacht, daß so etwas noch kommt? Wer hätte das vermutet, daß wir noch einmal aus der Lethargie aufwachen? Und unser Volk ist zumindest ansatzweise, aber doch beachtlich dabei, sich in der nächsten Generation mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Das ist ein Zeichen der Gnade Gottes. Und parallel dazu, würde ich sagen, sind ganz ähnliche Dinge im Leib Jesus feststellbar; auch nicht von Anfang an, nicht in den 50er und 60er und 70er Jahren. In der evangelischen Kirche fing es im großen Stil erst Anfang der 80er Jahre an – in der rheinisch-westfälischen Kirche 1982 –, daß ein Synodalbeschluß gefaßt wurde, der sich ganz bewußt losgesagt hat von der antijüdischen Theologie, von der Ersatztheologie und sich ganz bewußt Römer 9–11 zugewandt hat. Eine Landeskirche, eine Landessynode nach der anderen schloß sich dieser theologischen Entwicklung an. Auch da ist noch manches, was man sich wünscht. Aber da ist zumindest theologisch weitaus mehr passiert als in den meisten Freikirchen. Auch das muß einmal gewürdigt werden. Es sind Dinge am Passieren, erst in der letzten Zeit, und es nimmt zu und es wächst – eine Offenheit, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Aber damit es wirklich durchdringen kann, ist der Leib Jesu mehr als jeder andere gefragt, seine prophetische und priesterliche Rolle wahrzunehmen. Der Heilige Geist brütet über Deutschland – eine ausgestreckte Hand Gottes – ein Gnadenangebot. Die Frage ist, wie reagieren wir als lebendiger, wiedergeborener, vom Heiligen Geist erweckter Leib Jesu?

     

 

Zielsetzung und Merkmale der Gebets- Buß- und Aufarbeitungsbewegung

Ich möchte schließen mit einigen Gedanken zu der Frage: Was ist für uns hier und jetzt und heute dran? Ein Stück weit sind es Gedanken, die schon ausgesprochen worden sind; aber ich möchte sie gerne noch einmal zuspitzen dürfen. Ich empfinde, daß Gott in unserem Land eine Bewegung freisetzen möchte, und Er ist in den letzten vier Jahren dabei, sie freizusetzen – mit zunehmender Intensität in den letzten ein bis zwei Jahren. Ich nenne das in meinen Worten eine Gebets-, Buß- und Aufarbeitungsbewegung. Diese Elemente greifen ineinander. Ich bin sehr dankbar. Für mich haben die Marienschwestern eine Vorreiterrolle wahrgenommen durch Schwester Pista und die ganze Marienschwesternschaft, die angefangen haben, die weltweite Christenheit zur Buße zu rufen über diese fast 2000jährige Geschichte, angefangen auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem, Oktober 97. Das war vor drei Jahren und ist in vielerlei Weise und in vielen Ländern und an vielen Orten aufgegriffen worden. Preist den Herrn!

Wir sind jetzt dabei, aus der neueren charismatischen Bewegung heraus durch Brüder wie John Mulinde und jetzt durch Leute wie Dr. Michael Brown (durch sein neuestes Buch) und auf andere Weise – durch verschiedene Leute von außen her – auch hingeführt zu werden auf die Zusammenhänge zwischen dieser Form von Schuld und dem Ausbleiben von Erweckung. Eine Gebetsbewegung fängt an zu greifen im Land. Das Wächtergebet zählt mit dazu. Ich zähle unsere Israel-Gebetsbewegung dazu, die Konferenzen im März mit 500 bis 600 Leuten für 3, 4 Tage, die Gebets-Halbnächte – wir waren jetzt in Tübingen Ende Juli zusammen mit über 200 Leuten in der Tübinger Offensiven Stadtmission. Dort begegneten sich Israel-Bewegungen und -Freunde, zum Teil mit jahrzehntelangen Anmarschwegen, mit den frischen geistlichen Aufbrüchen aus den letzten Jahren, genauso wie sich hier an diesem Wochenende verschiedene Bewegungen begegnen. Das ist die Gnade Gottes! Das ist in dieser Weise vorher noch nicht passiert. Die verschiedenen Gebetsbewegungen, die Gott anregt und aufbrechen läßt, müssen sich verbrüdern, eine gemeinsame Schau für das große Ganze bekommen und dann jeder in seiner Salbung, in seiner Historie seinen Teil tun, aber in Respekt und Hochachtung und konstruktiver Zusammenarbeit mit den anderen.

Dann aus dem Gebet heraus eine Bewegung der Aufarbeitung. Was mit den Pest-Gottesdiensten geschehen ist, das ist eine Strategie und eine Möglichkeit, und ich preise den Herrn dafür. Aber Gott will noch Dutzende verschiedener Strategien und Möglichkeiten freisetzen, wie diese Aufarbeitung konkret werden kann und in unsere Gemeinden, in unsere Orte und Städte hineinfinden und geistlich wirksam werden kann. Das sehe ich kommen, und das sehe ich aufbrechen, und ich möchte es gerne auch so benennen. Die Gebetsbewegung zum Thema Israel und zum Thema Erweckung für Deutschland ist der Rahmen, ist der Mantel der Autorität, in den eingebettet diese Aufarbeitungsbewegung ihren Platz finden und ihren Dienst tun muß. Es ist ja hier bei den Marienschwestern genauso passiert. Die Gebetsbewegung dieser Schwesternschaft, die Andachten, die Liturgien, die wöchentlichen und sonstigen Gebetstreffen – das ist der Nährboden von all dem, was dann an Ausdruck von Versöhnung, von Buße, von Aussöhnung hier gewachsen ist über die Jahrzehnte. Und Gott ist dabei, noch einmal etwas Neues auf eine frische Weise in einer nächsten Etappe hier freizusetzen. In diesem Rahmen, unter dem Stichwort des Gebets, der Fürbitte, der Gebetslast und der Gebetsbewegung für Deutschland und für Israel möchte ich sieben Aspekte nennen, wie die Aufarbeitungs- und Bußbewegung konkret werden kann. Ich kann nicht lange bei jedem Punkt verweilen, sondern möchte relativ zügig durchgehen. Und manches wiederhole ich. Aber ich denke, es schadet nicht.

     

  1. Das erste der sieben Merkmale oder Kennzeichen dieser Aufarbeitungsbewegung als Teil der Gebetsbewegung, die ich für unser Land sehe, ist die persönliche Herzensveränderung, wie uns Christoph Häselbarth und Rudi Pinke so wunderbar nahegebracht haben. Der Schlüssel zu allem anderen ist, daß wir selbst uns in unserem Herzen von Gott ansprechen lassen, berühren lassen, überführen lassen, wo es nötig ist. Das kann nicht aus dem Kopf heraus kommen. Das kann nicht nur als eine Wahrheit kommen, die wir erkennen und versuchen, anderen überzustülpen. Das Ganze wird nur kommen in dem Maß, wie es auf dem Weg unseres Herzens kommt und durch den Weg unseres Herzens und unserer Existenz, in die Realität, in unsere innersten Lebensbezüge, unserer persönlichen Biographie, unserer Familienbiographie, unserer Prägungen und Hintergründe.

     

     

  2. Ich möchte dieser Bewegung zusprechen und den Herrn darum bitten, daß Er uns die Gnade dazu gibt – wie auch wunderbar von allen, die vorher gesprochen haben, gesagt worden ist –, daß es eine Bewegung ist, die gekennzeichnet ist von Liebe und Barmherzigkeit. Ich sage das uns Deutschen: Bitte keine militante Bewegung. Bitte keine fanatische Bewegung. Bitte keine Bewegung, die versucht, andere mit Krampf und Gewalt zu überzeugen, mit einzusteigen. Es soll eine Bewegung sein, die aus einer Zerbrochenheit unserer Herzen herauskommt, eine Zerbrochenheit aus einer echten Betroffenheit und Identifikation heraus, oder aus persönlichen Erfahrungen heraus. Wir können das, was uns so wichtig ist, anderen nur dienend und liebevoll nahebringen. Wir dürfen niemanden überfahren oder zwingen zu der Erkenntnis, die wir bekommen haben. Liebe und Barmherzigkeit – das soll das Merkmal dieser Bewegung sein. Und das heißt, auch Geduld haben mit denen, die vielleicht nicht so schnell mitkommen; Geduld mit uns selbst, wenn wir längere Zeit gebraucht haben. Gnade muß Raum greifen. Wir können nicht erwarten, daß Gottes Gnade in unserem Land Raum greift, wenn wir selbst so ungnädige Leute sind. Das funktioniert nicht.

     

     

  3. Raum für biblische Lehre. Alles, was mit dem Thema Aufarbeitung, Buße, stellvertretender Buße oder was auch immer die Begriffe sind, die Gott uns hier gibt oder die wir uns nehmen, diese ganze Bewegung, die Dynamik, die damit verbunden ist, muß immer wieder und möglichst von vornherein sehr klar und sorgfältig biblisch fundiert werden. Das können wir heute nicht leisten, weil wir einen anderen Auftrag haben. Dieses Wochenende ist keine Lehrkonferenz, sondern eine Bußkonferenz. Deswegen wird hier nicht so viel gelehrt, sondern zur Buße vorbereitet. Aber die biblische Lehre ist enorm wichtig, damit das Ganze nicht in irgendeiner Weise rechts oder links oder wo auch immer abgleitet, abdriftet und entweder religiös wird oder emotional wird oder fanatisch oder flach. Verkündigung und Offenbarung auf der Basis biblischer Lehre sind der Schlüssel, damit diese Bewegung ein gesundes Fundament bekommt und ihr Ziel erreicht.

     

     

  4. Was ich uns als Viertes mitgeben möchte – und auch das ist wichtig, vor allen Dingen für uns mit charismatischem Hintergrund; das haben die Evangelikalen und kirchlich Geprägten besser gelernt als wir –: die sorgfältige Recherche. Ich bitte um Zusammenarbeit an dieser Stelle. Prophetische Impulse können uns den Weg weisen, Intuition und Herzensbewegung können uns die Richtung zeigen – aber ehe wir an die Öffentlichkeit gehen, ehe wir Dinge auf breiter Basis proklamieren, müssen wir sichergehen, daß die Dinge, die wir sagen, Hand und Fuß haben. Und das Recherchieren gilt für beide Seiten: einerseits für die Seite der Schuld, die vorgefallen ist – aber bitte, liebe Geschwister, gleichzeitig genauso sorgfältig für die Seite: Was ist schon an Aufarbeitung und Versöhnung passiert? Wir dürfen zum Beispiel nicht davon ausgehen oder als freikirchliche Leute, die jetzt dieses Herz für Israel entdecken, so tun, als hätten die großen Kirchen sich nie mit dem Thema auseinandergesetzt. Das stimmt einfach nicht. Der lutherische Weltbund hat sich auseinandergesetzt mit Luthers Antisemitismus. Ob sie zum Ziel gekommen sind mit der Auseinandersetzung, ist ein anderes Thema. Die Synoden und die Landeskirchen haben sich auseinandergesetzt. Ob sie damit schon fertig sind, ist ein anderes Thema. Aber wir dürfen nicht so tun, als wäre hier nichts gewesen – und umgekehrt auch. Und wenn wir an die Orte, an die Städte denken. Ehe wir groß zur Buße aufrufen und Bürgermeister und Christen oder Abgeordnete oder sonst jemanden anschreiben, müssen wir, liebe Freunde, erst einmal recherchieren: Was ist auf den Ebenen, die wir ansprechen und zur Buße rufen, etwa schon passiert? Manchmal, so werden wir feststellen, ist eine ganze Menge passiert. Dann werden wir klar definieren können, welche Lücken noch offen sind. Für die wird uns Gott einen Auftrag geben, daß wir uns darum bemühen. Aber nicht oberflächlich, nicht pauschal, nicht blauäugig bitteschön. Gut recherchieren und an dem Punkt der Recherche bitte auch zusammenarbeiten mit Historikern, mit Archivaren, mit Gesellschaften und Gruppierungen, die sich auf ihrer Ebene lange mit dem Thema beschäftigt haben, auf der gesellschaftlichen oder der historischen Ebene. Wenn wir hier geistlich präzise werden wollen, auch im geistlichen Kampf, und nicht mit der Faust in die Luft schlagen, ohne zu wissen, wohin wir zielen, dann müssen wir hier sehr sorgfältig sein. Es ist genauso wie in der Seelsorge: Wenn wir nur Larifari machen und ganz allgemein Wischiwaschi seelsorgerliche Fragen ansprechen, dann wird auch das Ergebnis Larifari und Wischiwaschi sein.

     

Je präziser, konkreter und begründeter wir mit diesen Themen umgehen, um so stärker wird das Ergebnis sein. Sorgfältige Recherche, Konkretion – ich wiederhole es und werde nicht müde, es zu wiederholen –, Konkretion und Präzision sind bei diesem Thema entscheidend. Was ist in meiner Familie geschehen? Soweit Gott Gnade gibt, darüber zu sprechen, laßt uns versuchen herauszufinden, was passiert ist. Was ist in meiner Ortschaft und in meiner Stadt geschehen? Die Marienschwestern, die meisten von euch kennen das, haben recherchiert und festgestellt, daß zwischen dem 11. und dem 16. Jahrhundert an 388 deutschen Orten – ein paar wenige Städte habe ich vorhin genannt – über 591 Pogrome stattgefunden haben. Und liebe Freunde, jetzt die Frage: An wie vielen dieser 388 Orte ist jemals schon in angemessener Weise Buße getan worden, ist dies ans Licht gebracht worden, ist es öffentlich als Fehlverhalten vor Gott und vor Menschen genannt worden? Es gibt welche, vielleicht zwei, drei Dutzend, würde ich schätzen. Ich habe jetzt nicht sorgfältig recherchiert; es ist eine Vermutung anhand einiger Informationen, die ich habe. Aber gewiß ist, daß der weitaus größere Teil sich dieser Geschichte noch nicht angemessen gestellt hat.

Was ist denn eigentlich in meiner Ortsgemeinde geschehen? Das ist eine sehr sensible Frage – eine Frage, bei der ich darum bitten möchte, nicht kreuzfahrerisch, sondern sehr sensibel damit umzugehen. Aber trotzdem muß die Frage gestellt werden und ich glaube, daß der Heilige Geist sie stellt: Was ist in meiner Ortsgemeinde geschehen? Wie hat sie sich zwischen 1933 und 1945 verhalten und in der Zeit davor und danach? Was ist in der Gemeinde Jesu in meiner Stadt gelaufen während dieser Zeit? Wie haben sie sich verhalten zu den Pogromen in der Vergangenheit? – zur Naziverfolgung? – zur Reichs-Pogromnacht? – zu den Transporten – zu den Sammlungen? – zu den Verschleppungen? Ich möchte hier versuchen, auch nicht einen einzigen Moment mit einem Schatten von Anklage oder Verdammnis rüberzukommen. Ich identifiziere mich genau mit dem, was Rudi Pinke gesagt hat: Wer weiß, wo ich gewesen wäre in der Zeit? Und wenn ich irgend etwas habe an Offenbarung und Erkenntnis, wieviel es auch sein mag und wieviel es auch wert sein mag, das ist nur Gnade. Ich kann mich über niemanden erheben. Und niemand von uns sollte sich bitte über irgend jemanden erheben. Und doch, in aller Sanftmut gefragt und gesagt, muß letztlich die Frage aufbrechen in unseren örtlichen Bezügen, in unseren Gemeinden: Wie haben wir uns denn verhalten?

Ich bin in der Kommunikation mit dem Mühlheimer Verband, mit der Evangelischen Allianz zu diesen Fragen noch nicht sehr weit vorgedrungen, aber es findet zumindest ansatzweise ein Gespräch statt zu dem Thema. Und das Maß an Aufarbeitung ist sehr anfänglich, sehr ansatzweise. Das ist ein Thema, das ist schätzungsweise zu 90 bis 95% noch unbearbeitet. Aber bitte, laßt uns jetzt nicht als die Kreuzritter vom Land Kanaan kommen und unsere Gemeinden überfallen! Laßt uns das als Fürbitter und Priester aufnehmen und sensibel sein auch dahingehend, mit Ihm zu gehen, wenn der Heilige Geist sich in dieser Richtung zu bewegen anfängt – und dafür zu beten, daß Er sich bewegt.

Einen Punkt habe ich vergessen, der auch sehr wichtig ist: Laßt uns auch an unsere sozialen und beruflichen Bezüge denken. Die Zwangsarbeiter-Entschädigung bringt das Thema stark hoch für die Industrie. Aber es ist zu fragen und zu recherchieren: Was ist im Bereich der Ärzteschaft an Aufarbeitung passiert? Was ist im Bereich der Lehrerschaft und des Erziehungswesens an Aufarbeitung passiert? Was ist im Bereich der Sozialdienste an Aufarbeitung passiert? Was ist im Bereich – man kann jeden Berufsstand nennen, den man will – passiert? Die Handwerkerschaft ist stark betroffen durch das Ständewesen im Mittelalter – aber es gibt wohl kaum eine Berufsgruppe mit Tradition, die hier nicht auch etwas aufzuarbeiten hätte. Jeder kann in seinem Beruf, in seinem beruflichen Umfeld anfangen, dafür zu beten, daß Gott hier etwas anfängt und das, was jetzt in der Industrie aufgebrochen ist, auch in verschiedenen anderen Bereichen und sozialen Bezügen aufzubrechen beginnt. Es gehört mit dazu, und da hat fast jeder Christ, der einen Beruf ausübt, wenn er nicht selbständig ist, die Möglichkeit, zumindest als Fürbitter und Priester zu Gott zu rufen und vielleicht auch einmal nachzuforschen, wenn Gott es ihm ins Herz gibt.

5. Laßt uns, wie es uns die Marienschwestern vorgemacht haben, von Gott geistliche, göttliche Strategien und Vorgehensweisen erbitten zu diesem Thema "Aufarbeitung". Ich denke, daß der Geist Gottes hier eine große Vielfalt und Kreativität unter uns freisetzen möchte. Für die Charismatiker, die meine Sprache verstehen, möchte ich sagen: eine apostolische Dimension freisetzen in dieser ganzen Geschichte. Wir dürfen nicht kleinkariert und dilettantisch und quietistisch mit dieser Sache umgehen. Wir müssen vor allen Dingen uns als Israelfreunde und Leute mit einem Herzen für Israel von Gott zusammenführen lassen, wie das an diesem Wochenende hier geschieht. Niemand muß sich alleine abmühen und kann hier das Ziel erreichen. Nur wo Gott uns zusammenführt, ich sage so gerne, wo Gott uns "vernetzt", wo Gott den Leib baut und zusammenfügt in den verschiedenen Ämtern und Gaben und Berufungen und Talenten und Charismen, da wird eine Qualität und eine Kraft freigesetzt, die wir brauchen, damit wir aus dem Thema des spionagehaften Vorarbeitens – 10, 12 Spione – in das Thema der Eroberung des neuen Landes – also ein ganzes Volk, eine geschlossene Mannschaft – hineinwachsen. Die ganzen letzten Jahre haben Spionagearbeit, haben Vorarbeit geleistet. Aber Gott möchte etwas Neues. Er möchte uns auf eine andere Ebene bringen. Und das braucht diese Mentalitätsänderung in uns allen, daß wir uns aus den verborgenen und versteckten Ecken hinausführen lassen müssen, um zueinander zu kommen – um auch wieder Heilung zu finden zwischen den Israelfreunden und den Ortsgemeinden, wo soviel Not und Leid gelaufen ist in den letzten 20 Jahren – um wieder in eine Einheit zu kommen zwischen den Israelwerken und den anderen geistgewirkten Bewegungen unseres Landes – in eine Einheit zu kommen zwischen den Freikirchen und den großen Kirchen, da, wo, wir in diesem Thema in Jesus eins sind. Aus dieser Versprengtheit und Einzelgänger- und Einzelkämpfermentalität wollen wir uns herausholen lassen – kreativ werden, kommunikativ werden, kooperativ werden und uns von Gott geistliche Phantasie und Kreativität schenken lassen, Strategien und Vorgehensweisen, die nicht militant sind, die nicht menschlich, nicht Fleischeswerke sind, sondern die vom Geist Gottes geboren sind, um uns hier in diese Bewegung der Aufarbeitung hineinzuführen, die ja eine gewisse Größenordnung und Dimension bekommen muß, wenn sie national relevant werden will.

6. Den 6. Punkt habe ich aus einem überfließenden Herzen heraus schon mit hineingenommen, weil da wirklich mein Herz schlägt. Es schlägt für den Leib Jesu, gerade auch in Bezug auf Israel. Das eine sind die Strategien und Vorgehensweisen, die geistliche Kreativität. Und das sechste ist dann tatsächlich das Thema Zusammenarbeit. Das ist für mich so kostbar an diesem Wochenende, daß sich das hier schon demonstriert. Und ich glaube, gerade an dieser Stelle werden hier Zeichen von allergrößter Bedeutung gesetzt.

7. Der 7. Punkt ist mit Abstand nicht letztens, sondern ganz, ganz zentral und wichtig, wie auch schon angesprochen heute: Das Merkmal dieser Gebets-Buß-Aufarbeitungsbewegung muß mit beinhalten und muß sein, daß wir auch zu den jüdischen Menschen hingehen, auf sie zugehen, sie berühren und ihnen sagen, was unser Herz bewegt – zu dem Zeitpunkt, wann es dran ist, und in der Weise, wie es dran ist, wenn Gott sie vorbereitet hat, es zu empfangen, und uns vorbereitet hat, es zu sagen. Ganz wichtig für Buße sind die Früchte der Buße. Und die Früchte der Buße müssen sich zuerst an den Menschen zeigen, denen dieses Unrecht geschehen ist.

Wir müssen Israel segnen können. Wir müssen das jüdische Volk segnen können von ganzem Herzen. Wir müssen sie trösten können. Wir müssen sie ehren und wertschätzen können aus dem Geist heraus – nicht aufgrund menschlicher Faktoren, sondern aus dem Geist heraus wertschätzen, ehren, achten, lieben, trösten, stärken, ermutigen. Und ihnen praktisch helfen in genauso großer Vielfalt, in genauso großer Kreativität der Liebe ihnen praktisch helfen. Und wie Christoph Häselbarth schon gesagt hat: Wir bekommen demnächst eine Gelegenheit hier vor unsere Tür gestellt von geschichtlich und geistlich einzigartiger Größenordnung, wenn in absehbarer Zeit, vielleicht sehr bald, Zehntausende, möglicherweise Hunderttausende von jüdischen Menschen aus den Ostgebieten an unseren Grenzen stehen und in unser Land wollen. Wenn wir als Gemeinde Jesu und auch auf politischer Seite herausgefordert sind, darauf zu reagieren, tun das die meisten wahrscheinlich mit sehr großer Überraschung und mit all den Unsicherheiten und Fragen, die dann aufkommen, auch mit Kämpfen, wie sie in der öffentlichen Meinung und in der kirchlichen Meinung dann aufbrechen werden. Darauf sollten wir uns vorbereiten, daß wir diese Chance, die Gott unserem Volk gibt, nutzen, um Früchte der Buße zu zeigen – aber wie gesagt, es braucht einen Vorlauf. Deswegen gehören diese Dinge ganz eng zusammen. Aber der 7. Punkt ist und bleibt: Zeichen der Reue, Zeichen der Buße, Früchte der Buße, Zeichen der Wertschätzung auf vielfältigste Weise in unserer Haltung, in unseren Begegnungen, in unserer Tat zum Ausdruck gebracht.

Diese sieben Merkmale sehe ich und möchte ich von meiner Seite aus hineinsprechen in diese Bewegung. Und ich möchte zum Schluß kommen, indem ich noch einmal die drei Bibelstellen vorlese, die ich anfangs schon vorgelesen habe in der Hoffnung, daß der Geist Gottes diese drei Stellen noch etwas tiefer und konkreter mit Leben füllt durch das, was gesagt worden ist.

Wenn nun mein Volk, über das mein Name genannt ist, sich demütigt, daß sie beten und mein Angesicht suchen und sich von den bösen Wegen bekehren, so will ich vom Himmel her hören und ihre Sünden vergeben und ihr Land heilen.

Aber wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.

Denn wo die Sünde mächtig geworden ist, genau da möchte sich die Gnade Gottes als um so mächtiger erweisen. Amen.

Weitere interessante Beiträge gibt es auch auf der Website der

Christlichen Freunde Israels e.V., (deutscher Arbeitszweig)

 

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